Delle Cave, Ferruccio / Gerhard Fasolt

Von Meran nach Jena

Max Reger

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Athesia, Bozen 2016
erschienen in: das Orchester 07-08/2017 , Seite 62

„Max Reger: Bipo­lar gestört, trunk- und esssüchtig, nikotin­ab­hängig, herzkrank“, zitieren Fer­ruc­cio Delle Cave und Ger­hard Fasolt in ihrem ver­schwen­derisch mit far­bigen Repro­duk­tio­nen von Manuskripten, Titel­blät­tern, Postkarten, Briefen oder Fotografien aus­ges­tat­teten, schö­nen Reger-Buch aus der Krankengeschichte der Kom­pon­is­ten, und weit­er: „Das Tragis­che ist die Unein­sichtigkeit oder das Unver­mö­gen, dro­hende bzw. ein­deutig sicht­bare Gefahren abzuwen­den und einen in jed­er Hin­sicht auss­chweifend­en Lebensstil abzustellen.“
Man mag das Zitieren aus solchen Gutacht­en als pein­lich-voyeuris­tisch abtun und ver­acht­en und muss doch zugeben, dass sie den Kom­pon­is­ten dem Leser unmit­tel­bar nahe­brin­gen, ihn gewis­ser­maßen ver­lebendi­gen; und zudem machen sie doch auch neugierig auf die Musik, die solch einem Lei­den und Leben abge­won­nen wurde, eine Musik, die dann mit ihrer bestechend orig­inären Fak­tur nur umso rät­sel­haftere Züge anzunehmen scheint.
Reger erholte sich im März und April 1914 im Sana­to­ri­um Mar­tins­brunn in Mer­an von einem physis­chen und psy­chis­chen Zusam­men­bruch, der zum – für einen Kom­pon­is­ten ger­adezu tragis­chen – Ver­lust sein­er „inneren Musikvorstel­lung“ führte. „Ich kann keine Musik mehr hören“, soll er Fritz Stein ges­tanden haben, „in mir ist alles still.“ Delle Cave und Fasolt tra­gen alle, wirk­lich alle Einzel­heit­en zu Regers Kur zusam­men, die ihn rasch gene­sen ließ, zitieren die Briefe und Postkarten, die er in dieser Zeit sein­er Frau schrieb, führen die Werke an, die Reger „zur Erhol­ung“ dort kom­ponierte oder auch vor­plante, stellen aber auch Regers Ver­hält­nis zu kom­pos­i­torischen Vor­bildern (von Bach bis Brahms) sowie zu seinen Zeitgenossen (u.a. Wolf, Strauss, Thuille, Busoni, Schön­berg) dar. Sie skizzieren Züge des Reger’schen Spätwerks und seinen Ein­fluss auf jün­gere Kom­pon­is­ten wie Prokofiew und Hin­demith.
Stephan Kofler steuert einen Beitrag zu den späten Orgel­w­erken bei. Wir erfahren auf­schlussre­iche biografis­che Einzel­heit­en, etwa zu Regers Stel­lung in Meinin­gen und seinem Ver­hält­nis zum Meininger Fürsten, oder auch zum offen­bar nicht immer har­monis­chen Eheleben, das in Elsa Regers Erin­nerun­gen – ver­ständlicher­weise – allzu sor­g­los geschildert wurde.
Als beson­ders wertvoll erweisen sich vor allem die zitierten Ein­träge im Tage­buch von Fritz Stein, der Reger nach Mer­an begleit­ete, etwa dessen Bemerkun­gen zur Fugenkom­po­si­tion, Hin­weise zur Inter­pre­ta­tion von Klavier­liedern Schu­manns oder Brahms’ sowie vor allem die Über­legun­gen zur Sin­fonie-Kom­po­si­tion mit unge­mein auf­schlussre­ichen Bemerkun­gen über Instru­men­tierung, die genau die spätere Entwick­lung der Gat­tung antizip­ieren. Und die im Tage­buch zitierten Hin­weise Regers zu den Prälu­di­en und Fugen für Vio­line solo op. 131a, die er in Mer­an schrieb, sollte jed­er Geiger ken­nen, der diese Werke studiert. Die Her­aus­ge­ber kom­men­tieren alle Doku­mente unge­mein gewis­senhaft und anschaulich; auf diese Weise führen sie ger­adezu authen­tisch in Regers Leben und spätes Schaf­fen ein.
Gisel­her Schu­bert