Jürgen Karthe
Von der Concertina zum Bandoneón
Chemnitz – die Wiege des Bandoneóns
Liebe – das ist ein schwebend-entrückter Zustand zwischen rosaroter Brille, Scheuklappen auf der einen und grenzenloser scheinbar ewiger Glückseligkeit auf der anderen Seite. Für den Autor des vorliegenden Büchleins, Jürgen Karthe, ist die Diagnose klar: Er ist bis über beide Ohren verliebt in sein Instrument! Es ist eine kleine Formulierung, in der Karthe sein Buch quasi selbst rezensiert: „Bisher gibt es leider nur sehr wenige respektvolle und konkrete Schilderungen in einschlägigen Lexika und anderen Medien zum Bandoneon.“ Er sieht hier Nachholbedarf, denn selbst „die musikalische Fachwelt [stellt] in ihren Darstellungen das Bandoneon in seiner Vollkommenheit als Instrument gelegentlich in Frage. Sie diskreditiert seine Klangfarbe, den silbrigen Ton, das Klappern der Knöpfe, die Luftgeräusche des Balges.“
Um es vorwegzunehmen: Karthe hat die Chance einer umfassenden wissenschaftlich fundierten Monografie über sein geliebtes Instrument verpasst. Das aber ist nicht schlimm! Er präsentiert „neuere Forschungen und Ergebnisse seiner Recherchen“ und ist damit auf der Höhe der Zeit – gerade rechtzeitig, um der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 eine verdiente Huldigung ob ihrer Bedeutung in der Geschichte des Bandoneons zu entbieten. Zur besseren Verständlichkeit hat er „eine einfache Sprache und Wortwahl gewählt und kulturgeschichtliche Aspekte mit persönlichen Pointen verknüpft“. Das Büchlein ist also alles in allem eine Liebeserklärung, sprachlich nicht immer exakt auf dem Punkt, aber durch seine persönliche Beziehung zum Instrument und seiner Musik voller Wärme und Nähe.
Ein aktuelles Büchlein für Einsteiger, die sich dem Bandoneon und seiner Musik nicht entziehen können. Eine gut lesbare und spannende Kulturgeschichte, die von der chinesischen Sheng (etwa 700 n. Chr.) über die am Nordrand des Erzgebirges gelegene Stadt Chemnitz mit einem kleinen Umweg über Krefeld in Nordrhein-Westfalen bis nach Argentinien reicht. Und am Ende dieses Weges sagt der argentinische Bandoneonist Tomi Lebrero: „Es spielt keine Rolle, woher es kommt, das Bandoneón ist argentinisch.“
Als „Buch mit eingelegter CD“ bezeichnet der Verlag Auris Subtilis selbst die Ausgabe. Auf der CD erklingen unter anderem die Sheng, gespielt von Wu Wei, der dieses Instrument durch seine Auftritte (z. B. Morgenlandfestival) in Europa immer bekannter macht, die älteste Chemnitzer Concertina der Firma Lage-Uhlig, bis hin zu Erstpublikationen von Concertina-Einspielungen und bislang unveröffentlichten Aufnahmen von Pedro Laurenz & Pedro Maffia (1926) und Roberto Di Filipo.
Hier kann das Büchlein endlich als das erstrahlen, was es eigentlich ist: das hochinformative Booklet zu einer herausragend-spannenden CD.
Ralf-Thomas Lindner


