Gansch, Christian

Vom Solo zur Sinfonie

Was Unternehmen von Orchestern lernen können

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Eichborn, Frankfurt am Main 2006
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 78

Der Titel klingt gle­ichzeit­ig pro­saisch und ein wenig reißerisch. Das war wohl mit ein Grund dafür, warum der Autor – selb­st Musik­er, Musikpro­duzent und Diri­gent – unmit­tel­bar nach Veröf­fentlichung seines Buch­es in der Presse aus­giebig inter­viewt wurde. Dabei ist die Idee, die kom­plex­en Abläufe inner­halb eines Sin­fonieorch­esters auf Wirtschaft­sun­ternehmen zu über­tra­gen, nicht neu. Das New York­er Orpheus Cham­ber Orches­tra, das seine sin­fonis­chen Pro­gramme ohne Diri­gent und in mühevoller kam­mer­musikalis­ch­er Feinar­beit vor­bere­it­et, bietet seit Jahren Kurse für Wirtschafts­man­ag­er an. In Deutsch­land wurde diese Meth­ode vor allem von der Deutschen Kam­mer­phil­har­monie Bre­men, spo­radisch aber auch von anderen Orch­estern aus­pro­biert. Nach­dem es in den Medi­en hierzu länger nichts mehr zu hören und lesen gab, brin­gen die aktuelle Berichter­stat­tung und eine gute Öffentlichkeit­sar­beit des Ver­lags das The­ma wieder auf die Tage­sor­d­nung zurück.
Der Autor, inzwis­chen als Coach für mod­erne Unternehmen­skom­mu­nika­tion tätig, legt die Lat­te hoch: „Mit meinem Buch verbinde ich den Anspruch, an Hand der kom­mu­nika­tiv­en Prozesse in einem Orch­ester darzustellen, welch­es Bewusst­sein diese Erfol­gs­fak­toren benöti­gen, damit sie am Ende auch in die Real­ität umge­set­zt wer­den kön­nen.“ Kann er diesen Anspruch erfüllen? Zunächst war ich skep­tisch, doch nach und nach legten sich die meis­ten Zweifel. Im ersten von fünf Kapiteln („Das Orch­ester als Unternehmen“) beschreibt Gan­sch für den musikalis­chen Laien ver­ständlich, wie eigentlich ein Orch­ester funk­tion­iert, welche Struk­turen, Hier­ar­chien und Führungskräfte es gibt. Im Abschnitt „Unternehmer­in­ter­essen und Arbeit­nehmer­rechte“ wird allerd­ings das Klis­chee bemüht, deutsche Orch­ester­musik­er seien kaum künd­bar; die Aus­trittswelle, die die Gew­erkschaften heim­suche, solle für diese ein deut­lich­es Zeichen sein, sich kün­ftig für die Inter­essen ihrer Mit­glieder mit mehr Weit­blick einzuset­zen. Da liegt der Autor, zumin­d­est was die Sit­u­a­tion der deutschen Musik­ergew­erkschaft bet­rifft, daneben, da deren Mit­gliederzahlen jüngst deut­lich gestiegen sind.
Klargestellt wird allerd­ings auch, dass die amerikanis­che Musik­ergew­erkschaft Proben und Auf­nah­men auf die Sekunde genau abbrechen lässt. Da sei man in Deutsch­land und Europa doch wesentlich flex­i­bler. Unter der Behand­lung von The­men wie „Grup­pen­zuge­hörigkeit und Milieus“ oder „Druck und Lam­p­en­fieber“ zieht der Autor dann Par­al­le­len zwis­chen ver­gle­ich­baren Sit­u­a­tio­nen im Orch­ester und im Wirtschaft­sleben, die dur­chaus zu überzeu­gen ver­mö­gen.
Im zweit­en und drit­ten Kapi­tel („Vom Ich- zum Wir-Gefühl“ bzw. „Das über­stra­pazierte Teamide­al“) geht es dann zur Sache: Das Orch­ester wird als „per­ma­nentes grup­pen­dy­namis­ches Sem­i­nar“ beschrieben, was einen zunächst schmun­zeln lässt, let­ztlich aber wohl zutr­e­f­fend sein dürfte. Über die Fest­stel­lung „Rou­tine ist Still­stand“ kommt der Autor unter anderem zum Ergeb­nis, dass Mit­spracherechte auch Gren­zen haben müssen, um im Weit­eren den in den ver­gan­genen Jahren im Wirtschafts­bere­ich etwas verk­lärten Begriff der „Team­fähigkeit“ zu rel­a­tivieren und „Mut zu Neuem“ zu favorisieren. Im vierten Kapi­tel („Führung­sprozesse“) geht es natür­lich um die Rolle des Diri­gen­ten, aber auch um die Führungsauf­gaben einzel­ner Musik­er inner­halb der Stim­men­grup­pen. Auch hier stellt der Autor inter­es­sante Ver­gle­iche zu Führungsvorgän­gen in Wirtschaft­sun­ternehmen an. Im fün­ften und let­zten Kapi­tel („Inspi­ra­tion, Inno­va­tion“) schließlich geht es darum, die men­schlichen und emo­tionalen Aspek­te der Zusam­me­nar­beit in Orch­estern und in Unternehmen zu beleucht­en.
Obwohl eigentlich für Nicht­musik­er aus Wirtschaft­sun­ternehmen geschrieben, wer­den auch viele Beruf­s­musik­er, Diri­gen­ten und Orch­ester­man­ag­er die Lek­türe dieses Buchs nicht bereuen.
Ger­ald Mertens