Brinkmann, Reinhold

Vom Pfeifen und von alten Dampfmaschinen

Aufsätze zur Musik von Beethoven bis Rihm

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Zsolnay, Wien 2006
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 79

Der ver­di­ente Musik­wis­senschaftler und Siemens-Preisträger Rein­hold Brinkmann ver­sam­melt hier ver­mis­chte Schriften, über­wiegend Vorträge, aus den Jahren 1969 bis 2005. Wie der Titel schon nahe legt, sind es Gele­gen­heit­sar­beit­en, die zur Gele­gen­heit­slek­türe ein­laden: Zu vielfältig streuen sich die The­men – Jugend­stil, Schu­bert, Eisler, Goethe –, um den Leser kon­tinuier­lich zu fes­seln. Doch wo immer man auf­schlägt, find­et sich auch leicht ein Anknüp­fungspunkt des Inter­ess­es – nicht zulet­zt dank Brinkmanns Nähe zu allen Kün­sten. Zuweilen scheint der Autor sog­ar mehr Tex­tkri­tik als Musik­forschung zu betreiben, mehr an Zitat­en, Biografien, Briefen und Gedicht­en inter­essiert zu sein als an musikalis­ch­er Fak­tur. Diese bre­ite Kom­pe­tenz erlaubt ihm erhel­lende Quer­schläge in die Goethe’sche Edi­tion­s­geschichte oder zu Brahms’ Maler­fre­un­den. Von Brinkmanns lit­er­atur­wis­senschaftlich­er Nei­gung prof­i­tieren beson­ders die Lied­analy­sen: Hölder­lin bei Rihm, Müller bei Schu­bert, George bei Schön­berg.
Brinkmann ist Hermeneu­tik­er durch und durch: Auch darin ste­ht er der tra­di­tionellen Lit­er­atur­wis­senschaft nahe. Er demon­stri­ert philol­o­gis­che Gründlichkeit und Gewis­senhaftigkeit und mei­det – trotz unver­hohlen­er Bewun­derung für Adorno – alles Genialis­che in Denken und Stil. Er scheut sich auch nicht, Adornos dialek­tis­ches Erken­nt­nis­prinzip als das zu entza­ubern, was es let­ztlich ist: eine Art intu­itive, unmethod­is­che Hermeneu­tik. Dass aus­gerech­net zwei En-pas­sant-For­mulierun­gen Adornos – übri­gens zu Hin­demith und Mahler – Brinkmann zu seinem orig­inell­sten, essay­is­tis­chsten Auf­satz inspiri­erten (der zugle­ich dem Buch seinen lau­ni­gen Titel gab), ist nur recht und bil­lig. Was er hier fes­tk­lopft – die Kun­st Adornos, große Zusam­men­hänge im beiläu­fi­gen Detail zu explizieren –, ist auch in Brinkmanns eige­nen Tex­ten höch­ste hermeneutis­che Tugend. Am überzeu­gend­sten beweist er sie in seinem Auf­satz zur Ehren­ret­tung Hanns Eislers und in sein­er Exem­pli­fizierung der Verän­derun­gen, die Beethovens Ton­fall für die Kam­mer­musik brachte. Hier blitzt im musikalis­chen Moment immer wieder erhel­lend das his­torisch Wesentliche auf, und wir begreifen nicht nur, was uns ergreift, son­dern auch, warum es das tut.
Hans-Jür­gen Schaal