Bastian, Hans Günther/Martin Koch

Vom Karrieretraum zur Traumkarriere?

Eine Langzeitstudie über musikalisch Hochbegabte

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2010
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 65

Was ist musikalis­che Hochbe­gabung? Wie lässt sich Erfolg messen? Und: Was kön­nen zukün­ftige Gen­er­a­tio­nen aus den Biografien ehe­mals musikalisch Hochbe­gabter ler­nen? Diese Fra­gen sind zugle­ich Aus­gangspunkt, Zen­trum und Ziel der vor­liegen­den Langzeit­studie, die sich mit dem Werde­gang ehe­ma­liger „Jugend-musiziert“-Preisträger befasst. Die Autoren gehen dabei nicht nur den Fra­gen nach: „Was ist aus den ein­sti­gen Wün­schen und Träu­men gewor­den?“, „Haben sich die Hoff­nun­gen erfüllt?“ oder „Ist das vorhan­dene Poten­zial tat­säch­lich (mess­bar) aus­geschöpft wor­den?“ Es geht Hans Gün­ther Bas­t­ian und Mar­tin Koch ins­beson­dere um Schlussfol­gerun­gen von musik­er­spez­i­fis­ch­er, all­ge­mein­er sozialer und dur­chaus auch gesellschaftlich­er Rel­e­vanz.
Die gut 50 Befragten mögen dabei ein über­schaubares Sam­ple als Grund­lage für eine wis­senschaftliche Arbeit darstellen – jedoch bietet die Tiefe der Unter­suchung dur­chaus Grund zum Ver­trauen auf die abgelei-
teten Erken­nt­nisse. Eine Tiefe, die so in der Forschung zuvor sich­er noch nicht erre­icht wurde und die auf einem dur­chaus beein­druck­enden Arbeit­saufwand der Autoren und ihrer Helfer basiert. So wur­den die jun­gen Men­schen im Alter von jet­zt 34 bis 42 Jahren nach den vor gut 20 Jahren erst­mals durchge­führten Inter­views nochmals aus­führlich befragt. Dabei wur­den nicht nur Fak­ten zum Werde­gang und der derzeit­i­gen Tätigkeit aufgenom­men; vielmehr wurde in aus­führlichen, von Frage­bo­gen gestützten Gesprächen auch Eigen- bzw. Fremd­bild der ein­sti­gen musikalisch Hochbe­gabten ermit­telt, wur­den Motive, Zufrieden­heit mit der aktuellen Sit­u­a­tion und Erken­nt­nisse der Proban­den beleuchtet.
Möglicher­weise nicht unbe­d­ingt erwartet hat­ten die Autoren, dass doch eine ver­gle­ich­sweise sehr hohe Zahl der ein­sti­gen „Jugend-musiziert“-Preisträger „Kar­riere“ im Musik­be­trieb gemacht hat – sei es als Konz­ert­meis­ter, Stimm­führer, Solist oder Hochschullehrer. Viele der über einen Zeitraum von gut 20 Jahren Beobachteten scheinen ihre Tal­ente genutzt
zu haben, auch in einem auf­grund eines deut­lich enger wer­den­den Arbeits­mark­tes zunehmend schwierigeren Umfeld. Hans Gün­ther Bas­t­ian und Mar­tin Koch ver­suchen in ihren Stu­di­energeb­nis­sen aufzuzeigen, welche Fak­toren wie Soft Skills, Moti­va­tion oder Organ­i­sa­tion bei diesen Erfol­gen entschei­dend waren und welche Schlussfol­gerun­gen dabei zum Beispiel auch für die Aus­bil­dung kün­ftiger Musik­er­gen­er­a­tio­nen an Hochschulen zu ziehen sind.
Span­nend zu lesen in der engagiert auf­bere­it­eten Studie sind neben den wis­senschaftlichen Fol­gerun­gen selb­stver­ständlich die (anonymisierten) Fall­beispiele, die dann doch wieder – qua­si ganz unwis­senschaftlich – deut­lich machen, wie unter­schiedlich Lebenswege trotz ver­meintlich ähn­lich­er Aus­gangspo­si­tio­nen aus­fall­en kön­nen. Nicht zulet­zt jedoch scheint selb­st den Proban­den, die keine Musik­erkar­riere eingeschla­gen haben, die Musik auch heute noch ein wesentlich­er Bestandteil ihres Lebens zu sein.
Daniel Knödler