Frantz, Justus / Jens U. Sievertsen

Virtuos führen

Die Meisterklasse des Managements, mit CD

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Hanser, München 2007
erschienen in: das Orchester 09/2007 , Seite 77

Dass Man­ag­er von einem Orch­ester ler­nen kön­nen, ins­beson­dere vom Zusam­men­spiel wech­sel­nder Hier­ar­chien und ein­er präzisen, auch non­ver­balen Kom­mu­nika­tion, scheint das Inter­esse an Man­age­ment-Work­shops mit Orch­estern zu bele­gen. In ihrem Buch Vir­tu­os führen weisen die Autoren auf Gemein­samkeit­en bei der Erar­beitung und Auf­führung eines gelun­genen Konz­erts und erfol­gre­ich­er Unternehmensführung hin und ergänzen den The­men­bere­ich um ver­schiedene Blick­winkel.
Dabei kom­men sie zu zum Teil verblüf­fend­en Par­al­le­len. Zum Beispiel zum The­ma Trans­parenz: „In einem so offe­nen Sys­tem wie dem Orch­ester nimmt jed­er Einzelne den Ein­klang und auch jeden Mis­sklang sofort und zeit­gle­ich – sozusagen in Echtzeit – wahr.“ (S. 117) „Ver­trauen in Orch­estern und Unternehmen entste­ht aus ein­er trans­par­enten Kom­mu­nika­tion über Ziele, Beiträge und Ergeb­nisse: Wenn alle wis­sen, wohin die Reise führt, und sich darauf ver­lassen kön­nen, dass alle Beteiligten in die gle­iche Rich­tung streben, wenn die Beiträge aller Beteiligten wert­geschätzt wer­den und sie sin­nvoll ineinan­der­greifen, dann ist Höch­stleis­tung möglich.“ (S. 152)
Dem ist als Ide­al­bild nichts hinzuzufü­gen, lei­der sieht die Real­ität in der Orch­ester­ar­beit manch­mal anders aus. Sin­nvolle und für alle nachvol­lziehbare Probe­nar­beit gehört sich­er zu den High­lights eines jeden Orch­esters. Trotz­dem ist das Bild ein­er trans­par­enten Kom­mu­nika­tion aus der Probe­nar­beit ein­drück­lich. Weit­ere The­men sind z.B. kün­st­lerische Visio­nen des Diri­gen­ten und deren Umset­zung in der Probe­nar­beit als Beispiele für Zielo­ri­en­tierung in Unternehmen oder die Notwendigkeit für Unternehmen Ziele erleb­bar zu machen. „Ziele brauchen emo­tionale Sub­stanz, um wertvoll und erstrebenswert zu sein. Denn wirk­liche Ziele sind Erleb­nisse.“ (S. 29) Das Erleb­nis eines gelun­genen Konz­erts, auf das alle mit Eifer hingear­beit­et haben, dient hier als Bild.
Die Autoren ver­fü­gen über ein großes Fach­wis­sen, Jus­tus Frantz als langjähriger inter­na­tion­al erfol­gre­ich­er Diri­gent und Pianist, Jens U. Siev­ert­sen als erfol­gre­ich­er Unternehmens­ber­ater, Coach, Organ­i­sa­tion­sen­twick­ler sowie Pro­fes­sor für Psy­cholo­gie. Störend ist der bisweilen pathetis­che Stil, der bei Frantz manch­mal mit einem dur­chaus selb­st­ge­fäl­li­gen Unter­ton unter­legt ist. Die CD fasst die Haupt­the­sen des Buchs in einem Gespräch der Autoren zusam­men, unter­brochen von Musik­beispie­len, bringt aber keine sub­stanziellen Neuerun­gen. Nach jedem Kapi­tel gibt es eine Zusam­men­fas­sung der wichtig­sten The­sen als „Quin­tes­senz“, eine gelun­gene Ergänzung.
Das Buch ist lesenswert. Es bringt eine Fülle von Analo­gien und Bildern, die für Unternehmer oder Men­schen, die Organ­i­sa­tio­nen und deren interne Kom­mu­nika­tion­sstruk­turen verbessern und damit Unternehmen erfol­gre­ich­er machen wollen, inter­es­sante Anre­gun­gen liefern. Auch Musik­er, die als Orch­ester­vorstände oder Betrieb­sräte in unseren Kul­turin­sti­tu­tio­nen tätig sind, find­en hier inter­es­sante Blick­winkel, auch wenn die ein oder andere Analo­gie zu unser­er Beruf­swelt etwas gewollt erscheint. Ganz sich­er ist das Buch von großem Inter­esse für aktuelle und zukün­ftige Spon­soren der Phil­har­monie der Natio­nen. Jus­tus Frantz und Jens U. Siev­ert­sen erweisen sich mit dieser Veröf­fentlichung als mod­erne Mar­ket­ingstrate­gen – und auch davon kann man eine Menge ler­nen.
Ralf Pegelhoff