Sergej Prokofjew

Violinsonate Nr. 2 in D-Dur für Violine und Klavier op. 94a

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: G. Henle Verlag, München
erschienen in: das Orchester 6/2026 , Seite 72

Sie gehört zu den beliebtesten und meistgespielten Violinsonaten, die 2. Violinsonate in D-Dur von Sergej Prokofjew. Ihre ungewöhnliche Entstehungsgeschichte erinnert mich ein wenig an diejenige der berühmten Sonate von César Franck. Geschrieben hat Prokofjew das Werk 1942/43 als Flötensonate, deren Veröffentlichung jedoch in der ­Sowjetunion zunächst auf breite Skepsis, ja Ablehnung seitens der zuständigen Musikbürokratie stieß: Es gebe kein Interesse an neuen Flötensonaten, gefragt seien Kompositionen und Sonaten für Violine und Klavier. Da traf es sich gut, dass Prokofjews langjähriger Freund David Oistrach ihm vorschlug, das Werk mit seiner, Oistrachs Unterstützung für Violine und Klavier umzuarbeiten. Nach anfänglichem Zögern stimmte Prokofjew zu und Oistrach machte sich sogleich ans Werk. Er fügte dem Flötenpart Doppelgriffe, Flageoletts und Pizzicati hinzu, adjustierte Passagenwerk, Dynamik und Artikulation der Violine gemäß. In seinem Notenbüchlein notierte er verschiedene Varianten, die er Prokofjew vorlegte, um die Vorschläge dann den Wünschen des Komponisten gemäß anzupassen. Für die Drucklegung besorgte er zusätzlich eine Strich- und Fingersatzeinrichtung. Die Erstaufführung der Sonate spielten Oistrach und Lev Oborin am 17. Juni 1944 in Moskau, die Flötenfassung hatte ihre Premiere bereits sechs Monate zuvor erlebt. Seitdem stehen beide Versionen gleichberechtigt nebeneinander.
Prokofjew zeigt sich in seinem op. 94 als Charmeur, ein größerer Gegensatz als zwischen dieser lebensfrohen, elegant-parlierenden, serenadenhaften Musik und der düsteren Dramatik, Tiefe und kriegsinspirierten Tragik der ersten Sonate ist kaum vorstellbar. Interessanterweise spielte Oistrach das Werk, an dessen Entstehung er doch so maßgeblichen Anteil hatte, relativ selten; es fehlte in späteren Jahren nahezu vollständig in seinen Konzertprogrammen, ganz im Gegensatz zum Schwesterwerk in f-Moll, das zeitlebens ein Meilenstein seines Repertoires blieb.
Die vorliegende Neuausgabe bietet alle Vorzüge bewährter Henle-Qualität: einen sorgfältigen Text ohne Druckfehler, gute Lesbarkeit, praktikable Wendestellen, ein informatives Vorwort zur Entstehungsgeschichte und detaillierte Anmerkungen zu den Quellen des Notentextes, der ansonsten, da sich die Edition an der Erstausgabe orientiert, keine Überraschungen in Form neuer, bislang nicht bekannter Lesarten anbietet. Es gibt zwei separate Violinparts; eine Stimme ohne geigerische Einrichtung und eine weitere mit den interessanten Bezeichnungen von Augustin Hadelich. Im Geigenpart der Klavierstimme findet sich zudem David Oistrachs Einrichtung der Erstausgabe – Gott sei Dank! Oistrachs Fingersatz- und Strichbezeichnungen sind generell in ihrer Natürlichkeit und geigerisch-musikalischen Logik eine wahre Goldgrube für jeden Geiger! Eher ungewöhnlich für Editionen von Kammermusik ist der Klavierpart von Charles Owen ebenfalls mit Fingersatzvorschlägen versehen.
Herwig Zack

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