Barber, Samuel / Johannes Brahms

Violinkonzert op. 14 / Violinkonzert D‑Dur op. 77

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Bayer Records BR 100 35
erschienen in: das Orchester 07-08/2007 , Seite 80

Die Zwanziger­jahre des 20. Jahrhun­derts waren bes­timmt von einem deut­lichen Ablö­sung­sprozess von den musikalis­chen Tra­di­tio­nen des vor­ange­gan­genen Jahrhun­derts. Für das altherge­brachte, auf einen Vir­tu­osen zugeschnit­tene Solokonz­ert gab es in den Zeit­en des Auf­bruchs keinen Raum mehr. Wenig später in den Dreißiger­jahren schick­ten sich allerd­ings einige Kom­pon­is­ten im Zuge der Kon­so­li­dierung des musikalis­chen Fortschritts bere­its wieder an, das Genre zu neuer Blüte zu erweck­en.
Zu diesen gehört neben manchem der Dodeka­foniker auch der an tonalen Struk­turen fes­thal­tende Samuel Bar­ber, dessen 1939 kom­poniertes Vio­linkonz­ert seine Entste­hung dem Auf­trag des Gön­ners eines begabten Geigers ver­dankt. Sind die bei­den ersten Sätze des Konz­erts eher lyrisch gehal­ten, so set­zt Bar­ber im Final­satz (Presto in moto per­petuo) ganz auf Bril­lanz und Vir­tu­osität.
In ihrer neuen Ein­spielung dieses Konz­erts bleibt die Geigerin Ursu­la Schoch, derzeit Konz­ert­meis­terin des Konin­klijk Con­cert­ge­bouwork­est in Ams­ter­dam, der nöti­gen Aus­druck­swärme der ersten bei­den Sätze nichts schuldig, wie sie eben­so auch der tech­nis­chen Her­aus­forderung des Schlusssatzes gerecht zu wer­den ver­mag. Sie intoniert klangschön, legt Wert auf eine empfind­ungsre­iche ton­liche Run­dung und ver­ste­ht die Klip­pen im zuweilen dur­chaus auch ein­mal seichteren Fahrwass­er von Bar­bers musikalis­ch­er Tex­tur sich­er zu umschif­f­en. Dem toc­caten­haften Laufw­erk des rasenden Final­satzes haftet allerd­ings etwas Etü­den­haftes an, auch wenn Schoch dem Gle­ich­maß der Motorik Bar­bers des Öfteren durch eine dynamis­che Abstu­fung gle­ich einem unter­schei­den­den Fokussieren auf die Ebe­nen von Nähe und Ferne ent­ge­hen will.
Die Würt­tem­ber­gis­che Phil­har­monie Reut­lin­gen ver­mag die Solistin unter der Leitung von Pavel Bal­eff recht flex­i­bel zu begleit­en. Klan­glich zeigt sich der Orch­ester­part allerd­ings vielfach etwas flauschig und auch rel­a­tiv far­barm. In der Orch­ester­be­gleitung von Brahms’ Vio­linkonz­ert op. 77, das Ursu­la Schoch dem Bar­ber-Konz­ert beige­fügt hat, erweist sich die Würt­tem­ber­gis­che Phil­har­monie aus­drucksmäßig auf­fal­l­end unfrei. Nüchtern und emo­tion­sarm bleibt die melodis­che Bewe­gung, ohne recht­en Aus­druck­swillen die Motivik und das Zeich­nen der Fig­uren. Der Final­satz zeigt sich ziem­lich boden­ständig und verbleibt zu sehr in ein­er etwas abzäh­lend anmu­ten­den und alle Ele­ganz ver­mis­sen lassenden metrischen Pass­ge­nauigkeit.
Schoch dage­gen pflegt auch hier den ihr eige­nen leuch­t­end präsen­ten, into­na­tion­s­mäßig scharf kon­turi­erten Ton, weiß in der Kadenz des Kopf­satzes mit agogisch dif­fizil­er Geschmei­digkeit zu gefall­en und ver­mag dem Ada­gio mit angemessen­er Empfind­ungstiefe zu begeg­nen. Doch auch sie geht im Brahms-Konz­ert in gestal­ter­isch­er Hin­sicht kaum Risiken ein, dem zurück­hal­tenden Aus­drucksspek­trum fehlt das Geheim­nis, die eng gesteck­te kün­st­lerische Ziel­ger­ade ken­nt wed­er eine bohrende Inten­sität noch ein emphatis­ches Auf­schwin­gen.
Thomas Bopp