Krein, Grigorij / Samuil Feinberg

Violin Sonatas

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 81

Das Genre der Vio­lin­sonate wurde im Rus­s­land des 19. Jahrhun­derts nur spär­lich bedi­ent. Erst in den frühen Jahrzehn­ten des 20. Jahrhun­derts ändert sich dieses Bild mit den Vio­lin­sonat­en von Niko­laj Medt­ner und Niko­laj Roslawez. Ins inter­na­tionale Podi­um­sreper­toire gelangten die bei­den Prokof­jew-Sonat­en aus den 1940er Jahren und die Schostakow­itsch-Sonate von 1968. Hier und da begeg­net man Sonat­en von Edis­son Denis­sow (1962), Alfred Schnit­tke (1963 bis 1994) oder Niko­lai Kapustin (1992).
Dazwis­chen, man ahnt es, gibt es noch einiges mehr zu ent­deck­en. Die vor­liegende CD bricht auf beein­druck­ende Weise eine Lanze für zwei rus­sis­che Kom­pon­is­ten der Gen­er­a­tion zwis­chen Skr­jabin und Prokof­jew, deren hier vorgestellte Vio­lin­sonat­en allerd­ings ein Zeitraum von fast 50 Jahren tren­nt.
Die Har­monik der zweisätzi­gen, etwa 20-minüti­gen G‑Dur-Sonate op. 11 von Grig­orij Krein (1879–1957) ste­ht ganz unter dem Ein­fluss von Alexan­der Skr­jabin, zu dessen Lebzeit­en sie 1913 noch ent­stand. Aspek­te der Sonaten­form treten zugun­sten ein­er üppig wuch­ern­den, fan­tasiehaften Entwick­lung zurück, die sich mitunter bis ins rauschhafte Wech­sel­spiel bei­der Instru­mente steigert – ein Werk, so schreibt Hanspeter Krell­mann im Begleit­text, „dessen Ver­ständi­gungsan­forderung rezep­tion­sak­tive Sin­nen­träger voraus­set­zt“ (gemeint wohl: Man muss gut zuhören).
Gegenüber dem vor­rev­o­lu­tionär jugendlichen Ges­tus von Krein zieht die um 1960 geschriebene Vio­lin­sonate op. 46 des auch als Bach‑, Beethoven- und Skr­jabin-Spiel­er her­vor­ge­trete­nen Pianis­ten Samuil Fein­berg (1890–1962) das vor­läu­fige Resümee eines von den Impon­der­abilien der sow­jetis­chen Kul­tur­poli­tik let­ztlich unbeein­druck­ten Lebenswerks mit nicht weniger als zwölf Klavier­son­at­en zwis­chen 1915 und 1962. Die fünf Sätze Pre­lu­dio, Scher­zo, Inter­mez­zo, unbeze­ich­neter Satz und Epi­log scheinen mehr auf eine orig­inelle suit­e­nar­tige Anlage hinzudeuten. Die Ton­sprache, in Fein­bergs frühen Werken eben­falls sehr auf Skr­jabin bezo­gen, atmet hier oft den karg-expres­siv­en Ernst ein­er Schostakow­itschna­hen Lin­ien­führung, betörend im Dol­cis­si­mo-Ges­tus (Inter­mez­zo) und sarkastisch bis bedrohlich in den motorischen Par­tien (Scher­zo, 4. und 5. Satz).
Die Inter­pre­ten erweisen sich in den Sonat­en eben­so wie in drei mehr der rus­sisch-jüdis­chen Schule zuzurech­nen­den kürz­eren Stück­en Kreins als bestens aufeinan­der einge­spielt in allen rhyth­mis­chen und artiku­la­torischen Belan­gen. Ilona Then-Bergh ver­fügt über einen gediege­nen Ton mit wand­lungs­fähigem Vibra­to, und Michael Schäfer bleibt akko­rdis­chen Masse­nan­forderun­gen nichts schuldig. Dort, wo die Geigerin sub­til­ste Klang­bere­iche aus­lotet (etwa im Inter­mez­zo der Fein­berg-Sonate), lässt der Pianist mitunter die kon­ge­niale Mis­chung aus zartestem Anschlag, Mil­lime­ter-Ped­al­tech­nik und „zeit­losem“ Ruba­to ver­mis­sen – woran eine leicht klavier­lastige Auf­nah­me­tech­nik sich­er ihren Anteil hat.
Rain­er Klaas