Molique, Bernhard

Violin Concertos No. 3 & 6

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Accent ACC 24247
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 69

Nach der wun­der­baren Auf­nahme des Vio­linkonz­erts von Fer­di­nand Ries 2009 wid­met sich der Barock­geiger Anton Steck nun zwei neuen Ent­deck­un­gen aus dem 19. Jahrhun­dert: Vio­linkonz­erten des in Nürn­berg gebore­nen Kom­pon­is­ten und Geiger Bern­hard Molique (1802–1869), dessen Name franzö­sisch-elsäs­sis­che Wurzeln ver­rät. Er wirk­te zunächst als Konz­ert­meis­ter in München und Stuttgart und war ab 1849 ein in Lon­don gefeiert­er Musik­er. In sein­er Jugend stand er unter dem Ein­fluss Louis Spohrs, dessen Vio­linkonz­erte ihm Vor­bilder waren.
Die CD-Pro­duk­tion ent­stand 2011 mit dem aus­geze­ich­neten Münch­n­er Ensem­ble L’arpa fes­tante unter Christoph Sper­ing im Köl­ner Deutsch­land­funk- Kam­mer­musik­saal. Präsen­tiert wer­den die Konz­erte Nr. 3 d‑Moll op. 10 (1836) und Nr. 6 e‑Moll op. 30 (1848) als Wel­ter­stein­spielun­gen. Moliques Konz­erte ent­standen mit­ten in der Roman­tik, ste­hen in der Nach­folge von Beethovens und in Nach­barschaft von Mendelssohns Gat­tungs­beiträ­gen. Ihre Moll­tonarten ver­rat­en einen Hang zur pathetis­chen Geste, die gle­ich in den zwei harschen Tut­ti-Eröff­nungss­chlä­gen des d‑Moll- Konz­erts angekündigt wird. Im vom Orch­ester vorgestell­ten Haupt­the­ma find­en sich Anklänge an Mozarts d‑Moll-Klavierkonz­ert KV 466 (nach­schla­gende Synkopen-Begleitung), das die Roman­tik­er liebten. Moliques Melodik ist aus­drucksvoll, mit chro­ma­tis­chen Durchgän­gen und char­man­ten Verzierun­gen gewürzt. Die Form ist klar und über­sichtlich gestal­tet, d. h. die The­men sind deut­lich voneinan­der abge­gren­zt.
Da sich der Kom­pon­ist die Werke in die eige­nen Hände schrieb, sind sie seinen Fähigkeit­en minu­tiös angepasst und vertreten den Typ Vir­tu­osenkonz­ert (ohne Solo-Kaden­zen). Moliques Vio­linkonz­ert Nr. 3 führte auch Joseph Joachim im Reper­toire. Die Orch­esterbe­set­zung entspricht der­jeni­gen Beethovens. Der Charak­ter des d‑Moll-Konz­erts ist etwas büh­nen­mäßiger, extro­vertiert­er. Wirkungsvoll sind Pauken und Trompe­ten jedoch auch ins e‑Moll-Konz­ert einge­bun­den, das gemäß der Tonart etwas elegis­ch­er aus­fällt. Zudem kehrt es sich von der aus­geprägten Tut­ti-Solo- Gliederung des Konz­erts Nr. 3 deut­lich ab. So wird die Solo-Vio­line – nach Mendelssohns Vor­bild – von Anfang an ins Geschehen ein­be­zo­gen. Solist und Orch­ester sind sin­fonisch eng miteinan­der ver­ket­tet. Unverkennbar sind die Anklänge an das berühmte e‑Moll-Vio­linkonz­ert des Leipziger Kol­le­gen, das auf Zeitgenossen epochal gewirkt haben muss. Man ver­gle­iche nur die bei­den Anfänge! Den­noch gelingt Molique ein sehr eigen­ständi­ges und orig­inelles Werk.
Anton Steck inter­pretiert die Konz­erte auf ein­er his­torischen Guadagni­ni- Geige (ca. 1780). Er artikuliert genau und mit dem nöti­gen tech­nis­chen Rüstzeug. Vor allem trifft er die spezielle Stim­mung und „Rhetorik“ dieser Musik, etwa in den als Gesangsszenen gestal­teten Mit­tel­sätzen. In den Finali verbindet Steck die tänz­erischen Tak­tarten (6/8) mit ver­spiel­tem Scherzan­do im d‑Moll-Konz­ert und schw­er­müti­gen Ein­fär­bun­gen im e‑Moll-Konz­ert. Wieder gelang ihm eine willkommene Repertoire-Bereicherung.

Matthias Corvin