Zwilich, Ellen Taaffe

Violin Concerto / Rituals

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos 8.559268
erschienen in: das Orchester 04/2006 , Seite 93

In Deutsch­land ist die amerikanis­che Kom­pon­istin Ellen Taaffe Zwilich, Jahrgang 1939, weit­ge­hend unbekan­nt. Einige Geiger haben sich mit ihrem Vio­linkonz­ert allerd­ings auseinan­der geset­zt. Es lohnt sich. Die Kom­po­si­tion ent­stand 1998 – ein Jahr später wurde die in Mia­mi geborene Musik­erin zur „US-Kom­pon­istin des Jahres“ ernan­nt. Nicht zulet­zt wegen dieses Konz­erts, das völ­lig unangestrengt den inneren Dia­log zwis­chen Solo und Orch­ester anpeilt. Das musikalis­che Zwiege­spräch bein­hal­tet seel­is­che, sinnliche und intellek­tuelle Ebe­nen. Ellen Taaffe Zwilich, selb­st viele Jahre Geigerin in Stokowskis Orch­ester, ken­nt sich bestens aus in den tech­nis­chen Möglichkeit­en der Vio­line, die sie als far­bige Lyrik abruft. Wenn nach der Urauf­führung in New York geschrieben wurde, bei diesem Konz­ert han­dele es sich um eine Liebe­serk­lärung an das Stre­ichin­stru­ment, so lässt sich dieser Ein­druck nach Anhören der CD (mit der Geigerin Pamela Frank, die auch die dama­lige Urauf­führung absolvierte) bestäti­gen.
Das Stück fließt in einem friedlichen, opti­mistis­chen Duk­tus dahin, schwere drama­tis­che oder gar tragis­che Ein­brüche wer­den ver­mieden. Die dun­kle oder dämonis­che Seite der Vio­line wird aus­ges­part. Man hört gern zu, wird niemals ver­schreckt von bru­tal­en Dishar­monien oder von rhyth­mis­ch­er Atom­isierung. Da kom­ponierte eine Frau, die ihr Meti­er beherrscht.
Pamela Frank ist die ide­ale Inter­pretin, weil sie die Nuancierung eben­so ins Zen­trum rückt wie die Grun­dauf­fas­sung lyrisch­er Botschaft. Begleit­et wird die Solistin von Michael Stern und dem Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Saar­brück­en – sich­er, geschmack­voll, aufmerk­sam, eben­falls lyrisch bes­timmt.
Ganz anders klin­gen Zwilichs Rit­u­als von 2003. Die Kom­pon­istin, die u.a. an der Juil­liard School in New York (Hauptlehrer Elliott Carter) aus­ge­bildet wurde, inzwis­chen selb­st Pro­fes­sorin an der Flori­da State Uni­ver­si­ty, greift in diesen spek­takulären Per­cus­sion-Stück­en auf indi­an­is­che Wurzeln, also auf hei­d­nis­che und mythis­che Göt­ter­verehrung zurück. Zugle­ich dienen ihr folk­loris­tis­che Vor­gaben als Ein­stieg in fan­tasievolle Vari­a­tio­nen – die ver­schiede­nen Perkus­sion­sin­stru­mente wer­den fabel­haft vorge­führt und ver­weisen darin auf sich selb­st zurück: auf Klang und Rhyth­mus. Dass im vierten Satz dieser Rit­u­als (der Titel ist inhaltliche Sub­stanz) eine sportive, kampfes­lustige Farbe auftrumpft, bere­ichert die Lebendigkeit der kom­pos­i­torischen Mit­tel. Das Orch­ester wird hier zur Big Band – unmit­tel­bar, jazz­ig, fet­zig, anmachend. Vielle­icht steckt in diesem Opus mehr „amerikanis­che“ Eigen­heit als im fein ver­sponnenen Vio­linkonz­ert. Die Gruppe Nexus doku­men­tiert ihre Perkus­sions-Vir­tu­osität par excel­lence.
Jörg Loskill