Mendelssohn Bartholdy, Felix / John Adams

Violin Concerto No. 2 in e minor op. 64 / Violin Concerto

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naïve V 5368
erschienen in: das Orchester 10/2014 , Seite 73

Der erst 19 Jahre alte amerikanis­che Geiger Chad Hoopes, der seit 2013 von Ana Chu­machen­co an der Kro­n­berg Akademie den let­zten Schliff erhält, hat seine erste CD vorgelegt. Als Debüt gewählt hat er Mendelssohns e-Moll-Konz­ert op. 64 und das aus dem Jahr 1993 stam­mende Vio­linkonz­ert des amerikanis­chen Kom­pon­is­ten John Adams.
Chad Hoopes ver­mag hier­bei mit ein­er into­na­tion­s­mäßig hoch präzisen Ton­bil­dung und Stimm­führung zu bril­lieren, er ist tech­nisch unge­mein ver­siert, doch seine Tonge­bung bleibt dabei auf­fal­l­end mono­chrom. Bei der dynamis­chen Zurück­nahme wird sein Ton ein­fach klein­er, er behält aber dieselbe Farbe. Das schränkt die Möglichkeit­en der Aus­drucks­d­if­feren­zierung nicht uner­he­blich ein, es fehlt dem Geigen­part doch einiges
an Tiefendi­men­sion. Beson­ders zum Tra­gen kommt dies in Mendelssohns Vio­linkonz­ert, dessen zweit­em Satz Hoopes Emo­tion und Aus­drucks­ge­bung wie kün­stlich auf­set­zt. Der Tonge­bung fehlt ein Gut­teil ein­er augen­blick­lichen Lebendigkeit. Tech­nisch beein­druck­end dann wieder der Final­satz, denn für das Zirzen­sis­che ist sein heller und klar­er Ton wie geschaf­fen. Der Orch­ester­part wird dabei von der Tech­nik ein wenig in den Hin­ter­grund gedrängt, doch bleiben Krist­jan Järvi und das MDR Sin­fonieorch­ester Leipzig hier auch von der musikalis­chen Durch­dringung her matt im Ton­fall und undurch­sichtig in der Struk­turierung von Stimm­führung und Phrasen­ze­ich­nung.
John Adams zählte zu deren Hochzeit­en zu den Vertretern der amerikanis­chen Min­i­mal Music. Auch in seinem Vio­linkonz­ert sind seine musikalis­chen Muster und Motivkon­stel­la­tio­nen – und dies im Solopart wie im Orch­ester­satz – noch geprägt von einem min­i­mal­is­tis­chen Gedanken. Darüber hin­aus leit­et den Kom­pon­is­ten, was Form und Satz­folge seines Vio­linkonz­erts ange­ht, ein ret­ro­spek­tiv­er Blick­winkel auf das tra­di­tionelle Solokonz­ert des 19. Jahrhun­derts.
Doch seine musikalisch eher schmal­spurige Idee trägt für ein Solokonz­ert nicht aus­re­ichend. Im Ein­leitungssatz (ohne Tem­pobeze­ich­nung) kreist der Orch­ester­satz mit ein­heitlichem Grund­puls fortwährend in aufwärts gerichteten Bewe­gungsabläufen, der Solopart ste­ht ver­gle­ich­sweise zwar im Bren­npunkt des musikalis­chen Geschehens, aber er schwimmt weit­ge­hend mit im Strom. Der zweite und langsame Satz (Cha­conne: „Body Through Which the Dream Flows“) baut im Orch­ester auf ein osti­nates Bass-Mod­ell, das schon von den Orch­es­terin­stru­menten umspielt wird und nur von der Solovi­o­line noch eine zusät­zliche freie Überkro­nung erfährt. Der Final­satz („Toc­care“) ist am weitest­ge­hen­den dem Min­i­mal­is­mus verpflichtet: Hier wer­den klein­räu­mige Rep­e­ti­tion­s­muster ins Rollen gebracht, und die Solovi­o­line ist da eigentlich nur eine neben anderen Orch­ester­stim­men. Doch was dabei abver­langt wird, beherrscht Chad Hoopes mit größt­möglich­er Verve. Aber wirk­lich zeigen, was ein­er kann, lässt sich damit nicht.
Thomas Bopp