Stamitz, Carl

Violakonzert Nr. 1 D-Dur

Klavierauszug, Urtext

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2003
erschienen in: das Orchester 07-08/2004 , Seite 75

Ob Profi oder Laie, das D-Dur-Konz­ert von Carl Stamitz wird wohl fast jeden Bratsch­er sein Leben lang begleit­en: Zwar ist es im Konz­ert­saal nicht unbe­d­ingt häu­fig zu hören, dafür aber der Probe­spiel-Dauer­bren­ner schlechthin. Nun haben Nor­bert Gertsch und Annemarie Weibezahn eine neue Urtext-Aus­gabe vorgelegt und dafür die vier wichtig­sten Quellen durchge­se­hen: den Paris­er Stim­men-Erst­druck von 1773/ 74 (den man in Erman­gelung ein­er auto­grafen Par­ti­tur als Haup­tquelle anse­hen muss), eine diesem nahe ste­hende Stim­menab­schrift aus dem Prager National­mu­se­um (möglicher­weise von Stamitz selb­st stam­mend), den kor­rigierten Frank­furter Nach­druck aus der Zeit zwis­chen 1775 und 1780 sowie die so genan­nte Burg­stein­er Abschrift aus der Uni­ver­sitäts- und Lan­des­bib­lio­thek Mün­ster. Abwe­ichun­gen der Quellen untere­inan­der sind im Anhang detail­liert wiedergegeben, Entschei­dun­gen für bes­timmte Lesarten oder Vari­anten im Einzelfall belegt. Spek­takuläre Ent­deck­un­gen hat es erwartungs­gemäß nicht gegeben: Am über­raschend­sten ist eine kurze Pas­sage im „Minor“-Abschnitt des Ron­dos, in der Stamitz offen­bar pizzi­cati mit der linken Hand vor­sah. Anson­sten geht es vornehm­lich um die Besei­t­i­gung offen­sichtlich­er Stich­fehler und rhyth­mis­ch­er Ungereimtheit­en, die Klärung von Lega­to-Bögen und Überbindun­gen sowie um Artiku­la­tions- und Verzierungs­fra­gen. Kurz: Die Aus­gabe bietet eine umfassende Entschei­dungs-Grund­lage für nahezu alle Belange des Noten­textes.
Auch die prak­tis­che Ein­rich­tung lässt kaum Wün­sche offen: Das Druck­bild ist angenehm und deut­lich, es gibt Tak­tzahlen und sin­nvolle Wen­destellen. Der Klavier­auszug von Johannes Umbre­it überzeugt durch Sorgfalt und leichte Spiel­barkeit. Im drit­ten Satz sind die Wieder­hol­un­gen des Ron­do-The­mas nach den Cou­plets aus­geschrieben, umständlich­es Zurück­blät­tern ent­fällt. Als zusät­zlichen Ser­vice bietet ein eigen­er Anhang auf fünf Seit­en ver­schiedene von Robert D. Levin ver­fasste Kaden­zen und Eingänge samt divers­er Kom­bi­na­tion­s­möglichkeit­en. Schließlich enthält die Solo-Stimme zahlre­iche Vorschläge für Fin­ger­sätze und Strich­beze­ich­nun­gen von Jür­gen Weber (was allerd­ings bei eige­nen Lösun­gen erst ein­mal heftiges Durch­stre­ichen nach sich zieht).
Damit dürfte die Aus­gabe (ins­beson­dere was das Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis ange­ht) derzeit konkur­ren­z­los daste­hen. Bleibt zu wün­schen, dass bald auch das dazu passende Orch­ester­ma­te­r­i­al erscheint.
 
Joachim Schwarz