Rózsa, Miklós / Béla Bartók / Tibor Serly

Viola Concerto / Viola Concerto / Rhapsody for viola and orchestra

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hyperion CDA67687
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 74

Man kann es fast als Zeichen nehmen, dass Bartóks Vio­lakonz­ert im Zen­trum dieser CD ste­ht – obwohl es doch eher ein Phan­tom als ein vol­lkommen­er Kor­pus ist: Bartók hat es nie kom­poniert; er hat nur einen Entwurf und Vorstel­lun­gen von der Fer­tig­stel­lung des Werks hin­ter­lassen – „ein großer Teil des wesentlichen Mate­ri­als befand sich lediglich im Kopf“. (Peter Bartók).
Den­noch über­ragt das Konz­ert die anderen Werke und bün­delt zudem, was alle drei prägt: Die Kom­pon­is­ten sind Ungarn; sie sucht­en in den USA den Neube­ginn; sie blieben der Folk­lore als wesentlichem Ele­ment ihres Schaf­fens treu. Dazu kommt noch die enge per­sön­liche Beziehung zwis­chen Béla Bartók und Tibor Ser­ly. Der Jün­gere, der ver­schiedentlich als Assis­tent für ihn gear­beit­et hat­te, stand Bartók und sein­er Frau im New York­er Exil von 1940 bis zu dessen Tod im Sep­tem­ber 1945 zur Seite. Das 3. Klavierkonz­ert hat er vol­len­det (17 Tak­te) und das Vio­lakonz­ert aus der genauen Ken­nt­nis von Bartóks Schaf­fen und Plä­nen zum dreisätzi­gen Vir­tu­osen­stück herg­erichtet. Es zeigt die Abgek­lärtheit des Spät­stils, bringt den „dun­kleren, männlicheren Charak­ter“ des Instru­ments (Bartók) voll zur Gel­tung und hält sich in den lyrischen Monolo­gen des 1. Satzes, in den „Natur­bildern“ des Andante reli­gioso und im Tanzfest des Finales an den sub­tilen und kreativ­en Umgang Bartóks mit dem folk­loris­tis­chen Mate­r­i­al. Seit der Urauf­führung (2. Dezem­ber 1949) durch den englis­chen Bratschis­ten William Pim­rose, der das Werk in Auf­trag gegeben hat­te, gilt die Ver­sion Serlys ein Eckpfeil­er des Reper­toires – auch wenn sie in Frage gestellt wurde oder andere Ver­suche nach sich zog.
1946 bis 1948, in der Zeit der Ausar­beitung der Vor­lage, kom­ponierte Tibor Ser­ly auch seine Rhap­sodie über ungarische Volksmelo­di­en, har­mon­isiert von Béla Bartók, und schuf einen bril­lant instru­men­tierten bun­ten Reigen von Bildern eines ländlichen Festes, in dem sich das Soloin­stru­ment in allen Lagen und nach allen Regeln der Kun­st tum­melt.
Das große vier­sätzige Konz­ert (1980–1984) von Mik­lós Rózsa lebt vom Reiz stark­er Kon­traste und der Nähe zur Film­musik – wie Korn­gold pen­delte er zwis­chen ver­schiede­nen Musik­sphären und erhielt in Hol­ly­wood drei Oscars –, von Far­ben à la ungherese und spätro­man­tis­ch­er Klan­glichkeit. Und Bartóks Konz­ert, das ursprünglich aus vier Sätzen beste­hen sollte, wird eben­falls als Vor­bild spür­bar.
Der inter­na­tion­al gefeierte englis­che Solist Lawrence Pow­er – er spielt auf ein­er sel­te­nen Vio­la von Antoni Bren­si aus dem Jahr 1610 – lässt alle Werke zum Erleb­nis wer­den: makel­los und aus­drucksstark im Ton, tech­nisch sou­verän, präg­nant die Charak­tere der Musik erfassend. Gemein­sam mit dem exzel­len­ten nor­wegis­chen Orch­ester unter der Leitung des amerikanis­chen Chefdiri­gen­ten Andrew Lit­ton präsen­tiert er eine Auf­nahme, die durch ihre Klarheit und Tiefen­schärfe besticht, deren Far­ben hell und kräftig strahlen und in der die konz­ertieren­den Part­ner klan­glich per­fekt platziert sind. Eine Hochglanz-Plat­te!
Eber­hard Kneipel