Werke von Michael Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Hannah Kendall
Vergehen
Musikkollegium Winterthur, Ltg. Roberto González-Monjas
„Werden – Sein – Vergehen“ – drei CDs, ausgehend von den letzten drei Sinfonien Mozarts, hat das Musikkollegium Winterthur unter seinem Dirigenten Roberto González-Monjas thematisch fokussiert. Eine beachtliche dramaturgische Klammer, die auch auf CD beim Schweizer Label Claves nachzuhören ist. Die Mozart-Sinfonien in Es-Dur KV 543 und g-Moll KV 550 wurden jeweils begleitet von einem Werk eines Zeitgenossen und mit einem in Auftrag gegebenen neuen Werk aufgenommen. Nun ist mit der „Jupiter“-Sinfonie KV 551 unter dem Stichwort „Vergehen“ die letzte Produktion der Trias erreicht. Echte Vergänglichkeit spürt man vor allem im neuen Werk der britischen Komponistin Hannah Kendall mit dem Titel He stretches out the north over the void and hangs earth on nothing (Er streckt den Norden über die Leere aus und hängt die Erde an das Nichts), einer Passage aus dem alttestamentarischen Buch Hiob. Hier treffen übereinandergeschichtete Bläserakkorde aus Schumanns 2. Sinfonie auf Sechzehntelläufe aus Mozarts „Jupiter“-Sinfonie. Das durchaus heterogene Werk – auch eine Megafonstimme ist zu hören – lässt Spieluhren Nostalgie verbreiten, setzt aber auch auf knackige Multiphonics und scharfe Dissonanzen. Das Musikkollegium Winterthur spielt unter der Leitung seines Chefdirigenten Roberto González-Monjas präzise und hochexpressiv.
Michael Haydns Sinfonie Nr. 28 in C-Dur aus dem Jahr 1784 ist da viel konventioneller. Der jüngere Bruder Joseph Haydns verzichtet im Kopfsatz auf Überraschungen – die Dramatik der kurzen Durchführung wird gleich wieder kassiert. Aber im Rondeau sorgen zumindest die Couplets für reizvolle Stimmungswechsel. Der aufgeraute, vibratoarme Streicherklang tut der charmanten Sinfonie gut. Und im Finale ist eine Fuge platziert, die Mozart vielleicht sogar als Anregung für das Finale seiner „Jupiter“-Sinfonie genommen hat. Transparenz und Natürlichkeit prägen die Interpretation dieser letzten Sinfonie Mozarts, die für den Dirigenten den Gipfel-, aber auch Schlusspunkt der Klassik darstellt: deshalb „Vergehen“. Manches Mal wünscht man sich noch etwas mehr Energie – im Kopfsatz in den Staccati der Durchführung etwa oder im Finale, wenn sich die Themen nicht ins Wort fallen, sondern sich die Bläser dafür etwas zu viel Zeit nehmen. Aber alles in allem überzeugt diese „Jupiter“-Sinfonie gerade in ihrer Ausgewogenheit, den organischen Tempi und der artikulatorischen Genauigkeit, mit der die Kammerphilharmonie Graubünden die Partitur zum Leben erweckt. Das Menuetto ist kontrastreich, aber nie affektiert. Und das Andante cantabile wird im gut vernetzten Zusammenspiel der Schweizer zu einem emotionalen Höhepunkt.
Georg Rudiger


