Berliner Philharmoniker

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berliner Morgenpost/Deutsche Grammophon 480 4454, 5 CDs, 1 DVD
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 73

Das Berlin­er Phil­har­monis­che Orch­ester nimmt seit 130 Jahren einen her­aus­ra­gen­den Platz im inter­na­tionalen Musik­leben ein. Nicht ohne Grund wurde es vom britis­chen Fach­magazin Gramo­phone bei der jüng­sten Wahl der besten Orch­ester der Welt auf Platz zwei posi­tion­iert.
Seinen vier berühmtesten Chefdiri­gen­ten ist die Box mit fünf CDs und ein­er DVD gewid­met. Wil­helm Furtwän­gler (1922–1954), Her­bert von Kara­jan (1954–1989) und Clau­dio Abba­do (1989–2002) prägten vor Simon Rat­tle (er ist seit 2002 Chef) das Orch­ester auf ihre je unter­schiedliche Weise und tru­gen zur Entwick­lung und Per­fek­tion­ierung des Orch­esters durch ihre Vorgänger Hans von Bülow und Arthur Nikisch zum deutschen Eli­te­orch­ester bei. Die vor­liegende Edi­tion ver­sam­melt leg­endäre Auf­nah­men aus der Zeit nach dem Zweit­en Weltkrieg bis in die Gegen­wart. Es sind Ton­doku­mente der stilis­tis­chen Viel­seit­igkeit und der bestechen­den Spiel- und Klangkul­tur des Orch­esters.
Die repräsen­ta­tive Zusam­men­stel­lung begin­nt mit ein­er unge­mein span­nungsvollen Auf­nahme von Robert Schu­manns Sym­phonie Nr. 4 d-Moll unter Leitung von Wil­helm Furtwän­gler aus seinem Todes­jahr 1954, die noch heute als „Wun­der“ gilt. Kon­trastiert wird sie von Joseph Haydns Sym­phonie Nr. 88 G-Dur. Ein seltenes Klang­doku­ment von Furtwän­glers Beken­nt­nis zu lebens­fro­her Leichtigkeit.
1984/85, zu Beginn des dig­i­tal­en Zeital­ters, nahm der „Klang­magi­er“ und „Gen­eral­musikdi­rek­tor Europas“, Her­bert von Kara­jan, der das Orch­ester 34 Jahre – länger als jed­er andere – leit­ete, mit den Phil­har­monikern seinen drit­ten, bril­lanten, wen­ngle­ich etwas strom­lin­ien­för­mig glatt polierten Beethoven-Zyk­lus auf. Daraus wur­den die Sym­phonien Nr. 5
c-Moll und Nr. 7 A-Dur für die zweite CD aus­gewählt. Auf CD 3 präsen­tiert Kara­jan wirkungsvoll die Vio­linkonz­erte von Felix Mendelssohn Bartholdy in e-Moll und von Max Bruch in g-Moll, mit der zum Zeit­punkt der Auf­nahme erst 18-jähri­gen Aus­nah­megeigerin Anne-Sophie Mut­ter. Auf den CDs Num­mer 4 und 5 gibt es zwei „Klas­sik­er“ Clau­dio Abba­dos, der nicht zulet­zt mit sein­er Inter­pre­ta­tion von Gus­tav Mahlers Sym­phonie Nr. 5 cis-Moll neue Maßstäbe set­zte. Abba­do ver­ant­wortete die Mod­ernisierung und Ver­jün­gung des Orch­esters. Ger­adezu eine Kul­tauf­nahme ist seine Ein­spielung von Sergej Prokof­jews Klavierkonz­ert Nr. 3 C-Dur und von Mau­rice Rav­els Klavierkonz­ert G-Dur mit der damals 26-jähri­gen Martha Arg­erich.
Als Zugabe enthält die Box eine Bonus-DVD eines Wald­büh­nen-Konz­erts der Berlin­er Phil­har­moniker aus dem Jahr 2009 unter Simon Rat­tle, wo man tra­di­tionell jedes Jahr die Konz­ert­sai­son been­det. Es ver­an­schaulicht mit Tschaikowskys Nussknack­er-Suite op. 91, Rach­mani­nows 3. Klavierkonz­ert d-Moll (mit dem Pianis­ten Yefim Bronf­man als Solis­ten), Straw­in­skys Sacre du Print­emps und mit dem „Rausschmeißer“-Marsch Berlin­er Luft von Paul Lincke den Trend­willen zu Massen-Pop­u­lar­ität. Auch die Berlin­er Phil­har­moniker sor­gen sich trotz ihrer ruhm­re­ichen Ver­gan­gen­heit um ihr Pub­likum der Zukun­ft.
Dieter David Scholz