Härtling, Peter

Verdi

Ein Roman in neun Fantasien

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015
erschienen in: das Orchester 12/2015 , Seite 71

Musik­er-Romane gehören seit der Mitte des 19. Jahrhun­derts zur fes­ten Lek­türe des Bil­dungs­bürg­er­tums, das offen­bar glaubt, so seinen „Helden“ und sog­ar dem geheimnisumwit­terten Schöp­fungsakt näher kom­men zu kön­nen. Eben­so wie bei den entsprechen­den Fil­men han­delt es sich dabei meis­tens aber um süßliche Rührstücke, in denen got­tbeg­nadete Licht­gestal­ten gegen Unver­ständ­nis und Miss­gun­st ihrer Zeitgenossen kämpfen müssen, um wenig­stens nach einem verk­lärten Tod endlich zu tri­um­phieren. Vor dieser zweifel­haften Tra­di­tion ist es nicht leicht, sich diesem Genre heute noch mit ser­iösen Absicht­en zu näh­ern, und obwohl Peter Härtling dazu schon Lesenswertes über Franz Schu­bert, Robert Schu­mann und Fan­ny Hensel-Mendelssohn geliefert hat, durfte man auf seine Annäherung an Ver­di beson­ders ges­pan­nt sein, weil mit Franz Wer­fels Roman von 1924 bere­its eine bedeu­tende lit­er­arische Auseinan­der­set­zung existiert.
Härtlings Erzäh­lung set­zt kurz nach der Urauf­führung der Aida am 25. Dezem­ber 1871 und ihrem anschließen­den Siegeszug durch die Opern­häuser der Welt ein, als Ver­di seine schöpferische Lauf­bahn eigentlich für been­det hielt. Er dachte allen­falls noch an kleinere Werke, wie das 1873 kom­ponierte Stre­ichquar­tett, und wenn er sich im Fol­ge­jahr mit dem Requiem noch für etwas Größeres entsch­ied, so mied er zugle­ich stand­haft sein bish­eriges Schaf­fens­ge­bi­et. Doch dann arrang­ierte sein Ver­leger nicht ohne Hin­tergedanken die Bekan­ntschaft mit Arri­go Boito, der dem Kom­pon­is­ten schein­bar beiläu­fig und unverbindlich Libret­to-Entwürfe zeigte, was diesen glück­licher­weise zu seinen bei­den let­zten und epochalen Meis­ter­w­erken, Otel­lo und Fal­staff, ver­an­lasste.
Zwar streift Härtling gele­gentlich auch ästhetis­che Fra­gen, aber sein wesentlich­es Inter­esse gilt dem Altern. Für Ver­di bedeutete dies, Erin­nerun­gen nachzuhän­gen, zunehmende Gebrech­lichkeit­en zu meis­tern, beson­ders aber und noch schmer­zlich­er, Abschied zu nehmen: let­zte Reisen in der Gewis­sheit, den Stra­pazen kün­ftig nicht mehr gewach­sen zu sein, das Ord­nen des Nach­lass­es und die Wahrung der bei­den Ver­mächt­nisse – des Kranken­haus­es nahe Sant’Agata und des Alter­sheims für Musik­er in Mai­land. Hinzu kam die zunehmende Vere­in­samung durch den Tod viel­er  Weggenossen, wie 1888 der Ver­lust Tito Ricordis, seines fre­und­schaftlich ver­bun­de­nen Hauptver­legers, oder 1897 der sein­er zweit­en Frau, Giusep­pina Strep­poni, wom­it für ihn jede Lebens­freude erlosch. Auf der anderen Seite stand die Begeg­nung mit der Enkel­gen­er­a­tion, wie mit dem jun­gen Arturo Toscani­ni, und der Aus­blick auf eine nicht mehr erfahrbare, kaum zu ver­ste­hende, aber doch hoff­nungsvolle Zukun­ft. Dabei hat Härtling, selb­st Jahrgang 1933, sich­er eigene Erfahrun­gen und Lebens­fra­gen the­ma­tisiert, wodurch die melan­cholis­che Schilderung beson­ders authen­tisch wirkt.
Par­al­lel zur gedruck­ten Aus­gabe ist der Roman als Hör­buch erschienen (Goy­aLit, 4 CDs), das Markus Hoff­mann mit angemessen­er Zurück­hal­tung liest und so gle­ich­sam in eine milde Aben­dröte taucht.
Georg Gün­ther