Johanna Senfter
Veränderungen d-Moll für Viola und Klavier op. 94
hg. von Roland Glassl und Oliver Triendl, Partitur und Stimme
Zu den größten Ungerechtigkeiten der Musikgeschichte gehört die jahrhundertelange Ausgrenzung von Frauen aus dem professionellen Musikleben. Johanna Senfter (1879–1961) war hochbegabt, studierte Orgel, Klavier, Violine und Komposi- tion. Max Reger ermutigte sie zu einem Studium bei ihm am Leipziger Konservatorium, wo sie 1909 mit dem Arthur-Nikisch-Preis ausgezeichnet wurde. Doch ihr Wirken musste sich mit dem semiprofessionellen Oppenheimer Musikverein begnügen, wo sie Musik u. a. von Bach, Reger und eigene Werke dirigierte. Doch immerhin führten die Dirigenten Michael Balling in Darmstadt und Hans Herwig in Luxemburg ihre Sinfonien mit professionellen Orchestern auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Johanna Senfter in Vergessenheit. Einerseits wegen des an Reger orientierten, als zu traditionell empfundenen Stils ihrer Musik, andererseits auch, da es publik wurde, dass sie in ihrer 1933 entstandenen 6. Sinfonie das Horst-Wessel-Lied zitierte. Doch weitere politische Äußerungen der Komponistin sind nicht bekannt, und deshalb sollte diese vermutlich einmalige Anbiederung an das NS-Regime nicht einer Wiederentdeckung im Weg stehen.
Die Veränderungen zeigen deutlich den Ausgangspunkt von Senfters Komponieren: die Musik von Bach und Reger. Sie entwickelte daraus eine sehr eigenständige Handschrift: Von Bach übernahm sie eine handwerklich objektive Haltung und eine polyfone Gestaltungsweise, von Reger eine klanglich-harmonische, häufig die Grenzen der Tonalität sprengende Kühnheit, die der Dissonanz eine eigenständige Rolle zuweist. Die Variationen beginnen leise, in einem ruhigen Tempo und münden im abschließenden Teil in eine große Fuge in einem mit „Munter“ charakterisierten Tempo, die zu einem strahlenden und virtuosen Abschluss führt.
Dieses Werk stellt an die beiden Spieler:innen höchste Anforderungen. Da geht es nicht nur um Intonation in der Bratsche bis in hohe Lagen und um Grifftechnik beim Klavier, um rhythmische Sicherheit im polyfonen Satzgewebe zwischen Viola und Klavier, sondern auch um gestalterische Fähigkeiten: um einen langen Atem für den großen Spannungsbogen bis zum Schluss, um feinste dynamische Unterschiede vom Pianissimo bis zum Fortissimo, um klangliche Transparenz, die dem Pianisten viel abfordert. Deshalb sei dieses Werk konzertierenden Musikerinnen und Musikern – oder fortgeschrittenen Studierenden, als Meilenstein ihres Könnens – sehr ans Herz gelegt; gibt es doch gar nicht so viel anspruchsvolle originale Violaliteratur. Die Ausgabe von Roland Glassl und Oliver Triendl bietet dazu ein übersichtlich eingerichtetes Notenmaterial. Der Schott-Verlag leistet einen wichtigen Beitrag zur Wiederentdeckung dieser zu Unrecht vergessenen Komponistin.
Franzpeter Messmer


