Venezia

Werke von Monteverdi, Henze, Gottwald, Castiglioni und Giovanni Gabrieli

Rubrik: CDs
Verlag/Label: C2 Es-Dur ES 2039
erschienen in: das Orchester 02/2013 , Seite 68

Seit die seefahrende Serenis­si­ma Repub­li­ca flämis­che Musik­er verpflichtete, deren venezian­is­che Schüler den Markus­dom mit ihren raum­greifend­en Chorgesän­gen erfüll­ten, galt die Lagunen­stadt als Hort der „chori spez­za­ti“. Begün­stigt durch die Emporen und Verbindungsstege von San Mar­co kul­tivierten die bei­den Gabrielis, Andrea und sein Neffe Gio­van­ni, daselb­st das mehrchörige Musizieren. Befördert durch Hans
Leo Has­sler und Hein­rich Schütz, die sich die neue Kun­st in San Mar­co abhorcht­en, fand diese bald in ganz Europa Wider­hall. Auch Clau­dio Mon­tever­di zog es nach Venedig, (viel) später Liszt und Wag­n­er, schließlich Hans Wern­er Hen­ze. Und, auf Straw­in­skys Spuren, den Mailän­der Neutön­er Nic­colò Cas­tiglioni.
Jed­er huldigte dem Geist der Stadt auf seine Weise, und so liegt es na­he, ihre Stim­men zu einem Kranz zu flecht­en. Philipp Ahmann, seit 2008/09 Leit­er des NDR Chors, dem er eine eigene Abon­nementsrei­he bescherte, schmück­te seine dritte Spielzeit mit eben dieser Pro­gramm-Idee. Wobei er die Blech­bläs­er des Sin­fonieorch­esters, die NDR Brass, mit in die Gondel holte: im Wech­sel oder auch zusam­men mit den Chorstim­men, die Ahmann zu schlanker Lin­ien­ze­ich­nung und pein­lich sauber­er Into­na­tion anhält.
Das Konz­ert­pro­gramm, aufgenom­men in St. Johan­nis zu Ham­burg-Har­veste­hude, begin­nt mit Mon­teverdis Fan­faren-Ouvertüre zu L’Orfeo – ein klang­prächtiges „Vorhang auf!“ für drei Motet­ten aus dessen erstem Madri­gal­buch. Barock­er Prax­is entsprechend lässt Ahmann den Fun­da­ment­bass instru­men­tal stützen. In seinem auf­schlussre­ichen Pro­grammkom­men­tar macht Habakuk Tra­ber auf die rhetorische Fig­urengestik aufmerk­sam, die Mon­tever­di den Chorstim­men textdeu­tend ein­schrieb.
Unver­mit­telt reißt Hen­zes Sonata per otto ottoni (1983) den Hör­er aus dem Glück cho­rischen Wohlk­langs in die herbe Blech­bläser­welt des vorg­erück­ten 20. Jahrhun­derts. Wiewohl sich der Mae­stro – im Sinne von Musik über Musik – an ein Con­cer­to di sonate von Toma­so Vitali aus dem frühen 18. Jahrhun­dert hielt.
Knapp zwei Monate vor Wag­n­ers Tod in Venedig nutzte Liszt eine Rom-Reise zu einem Besuch im Palaz­zo Ven­dramin, wo Tochter und Schwiegersohn nach der Urauf­führung des Par­si­fal weil­ten. Von ein­er Gondel habe er geträumt, die Wag­n­ers Leich­nam über den Canal Grande brachte (siehe La gon­do­la lugubre für Klavier). Als Liszt im Feb­ru­ar 1883 die Nachricht vom Tod des Meis­ters erhielt, grub er seinen Schmerz in das karge Klavier­stück R. W. – Venezia. Clytus Gottwald, langjähriger Leit­er der Schola Can­to­rum Stuttgart, schuf es in einen Chor­satz um, dem er Bruch­stücke aus Wag­n­ers Par­si­fal einkom­ponierte – zu Versen aus Venedig-Gedicht­en von Friedrich Hebbel. Auch Wag­n­ers Wesendon­ck-Lied Im Treib­haus, ein­er Art Vore­cho auf Tris­tan und Isol­de, gewann Gottwald eine betörende Chorver­sion ab. Bei­den Nach­schöp­fun­gen wid­met sich der NDR Chor mit Hingabe. Bevor die SACD mit zwei Bläs­er-Can­zo­nen und zwei Motet­ten von Gio­van­ni Gabrieli fes­tlich ausklingt, ehrt der NDR Chor mit Cas­tiglio­n­is Sonet­to in memo­ri­am Igor Straw­in­sky den promi­nen­testen Toten der Fried­hof­sin­sel San Michele.
Lutz Lesle