Ullmann, Viktor

Variationen und Doppelfuge

über ein Thema von Arnold Schönberg op. 19/4, Fassung für Streichquartett op. 3c, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2005
erschienen in: das Orchester 07-08/2005 , Seite 84

Vik­tor Ull­mann (1898–1944) gehört zu jenen Kom­pon­is­ten, die während des „III. Reichs“ nicht nur physisch ver­nichtet wur­den, son­dern deren Schaf­fen mit erschreck­ender Gründlichkeit und Nach­haltigkeit auch aus dem Gedächt­nis und dem Musik­leben ver­ban­nt wurde. Erst Ende des 20. Jahrhun­derts (ger­ade noch rechtzeit­ig, um den einen oder anderen Zeitzeu­gen befra­gen zu kön­nen) war das Inter­esse groß genug für eine wirk­liche Aufar­beitung – eine Aufar­beitung, die freilich niemals die his­torische Schuld begle­ichen kann, die aber Werke ans Licht befördert, die auf­grund ihrer Qual­ität heute im Reper­toire einen bleiben­den Platz beanspruchen dürfen.

In beson­der­er Weise gilt das für den einst in Prag behei­mateten Ull­mann. Vor allem dank einiger mutiger Insze­nierun­gen und Ein­spielun­gen verbindet man heute mit seinem Namen vor allem die im KZ There­sien­stadt ent­standene Oper Der Kaiser von Atlantis; doch muss auch sein eben­falls 1943 niedergeschriebenes Stre­ichquar­tett op. 46 zu den bedeu­tend­sten Werken dieser Gat­tung im 20. Jahrhun­dert gerech­net wer­den (Par­ti­tur und Stim­men sind vor eini­gen Jahren bei Schott erst­mals gedruckt worden).

Dass die schwierige Spuren­suche aber noch immer nicht abgeschlossen ist (ein Großteil der Kom­po­si­tio­nen wird unwieder­bringlich ver­loren sein, anderes hat sich eher zufäl­lig in Abschriften erhal­ten), belegt die nun vor­liegende Aus­gabe Ull­manns eigen­er Bear­beitung sein­er Vari­a­tio­nen und Dop­pelfuge über ein The­ma von Arnold Schön­berg op. 3c für Stre­ichquar­tett. Die Rudolf Kolisch und seinem Stre­ichquar­tett über­sandte auto­grafe Par­ti­tur (gemein­sam mit einem auto­grafen Stim­men­satz) fand sich erst vor weni­gen Jahren unver­mutet in der Houghton Library der Har­vard Uni­ver­si­ty. Offen­bar ste­ht die Bear­beitung in unmit­tel­barem Zusam­men­hang mit Ull­manns (späten und verge­blichen) Auswan­derungs­be­mühun­gen (1939) – und dies nicht ohne Zufall, denn mit der Auf­führung der ursprünglich für Klavier geset­zten Vari­a­tio­nen beim Musik­fest in Genf 1929 kam der Durch­bruch und die über­re­gionale Anerken­nung (drei ver­schiedene Ver­sio­nen für Klavier lassen sich nach­weisen, außer­dem hat sich ein Stim­men­satz der Orch­ester­bear­beitung erhalten).

Obwohl Ull­mann 1918/19 für einige Monate in Wien bei Schön­berg alle Facetten des Handw­erks studierte und zu jen­er Zeit zum inneren Kreis der Schüler zählte, ent­fer­nte er sich während der 20er Jahre dann doch von den Ide­alen seines Lehrers. Insofern gibt schon die Wahl eines Schönberg’schen Apho­ris­mus (näm­lich das Klavier­stück op. 19/4) als The­ma für weit­er­en­twick­el­nde Vari­a­tio­nen genug Auf­schluss über das kom­pos­i­torische Selb­st­wert­ge­fühl. Und die (im Gegen­satz zum Orch­ester) neu­trale Klang­farbe des Stre­ichquar­tetts ver­stärkt noch diesen Ein­druck meis­ter­lich­er Tech­nik und Erfindung.

Die Aus­gabe ist klar und über­sichtlich geset­zt; lediglich eini­gen Bögen sieht man es an, dass sie den Grun­de­in­stel­lun­gen eines Com­put­er­pro­gramms entstammen.

Michael Kube