Holliger, Heinz

Unbelaubte Gedanken zu Hölderlins „Tinian“

für Kontrabass solo (mit 4 Saiten)

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2013
erschienen in: das Orchester 11/2013 , Seite 73

Das kurze Werk ist eine in diesem Jahr erschienene Neu­fas­sung für einen Bass mit vier Sait­en. Das gle­iche Stück, das im Orig­i­nal einen Fün­f­saiter vor­sah, wurde bere­its im Jahr 2002 bei Schott veröf­fentlicht. Die vier­sait­ige Ver­sion ist für die meis­ten Bassis­ten sich­er prak­tik­abler, und so bleibt zu hof­fen, dass diese rev­i­dierte Fas­sung einen größeren Auf­führungsra­dius haben wird.
Das zwis­chen vier und fünf Minuten dauernde Werk ist auf jeden Fall mehr für die all­ge­meine Prax­is geschrieben als die 2012 erschienene Hol­liger-Kom­po­si­tion Pre­lu­dio e Fuga (a 4 voci) für Kon­tra­bass solo in Wiener Stim­mung (ver­gle­iche das Orch­ester 5/13, S. 71). Das Stim­mungs­bild nach einem Textfrag­ment von Hölder­lin ist ver­gle­ich­sweise leichter zu lesen: Die Nota­tion hält sich bei aller Frei­heit der Vorze­ichen und Beze­ich­nun­gen doch mehrheitlich an tra­di­tionelle Muster. Frei­heit­en hat auch der Spiel­er selb­st bei der Durch­führung der Glis­san­di, beim Umstim­men der Sait­en, beim Tem­po und bei der dynamis­chen Gestal­tung. Da reichen die Vor­gaben von einem ein­fachen mf bis zum sff­pp und zum dreifachen ppp.
Zu Forschen ist nach dem merk­würdi­gen Titel, der nicht „uner­laubte“, son­dern wirk­lich „unbe­laubte“ Gedanken zitiert. Tin­ian ist ein Teil der Insel­gruppe der Mar­i­a­nen und wurde 1521 von Mag­el­lan ent­deckt. Die Erde ist ja nur für den rund, der sie wirk­lich umrun­det. Der intellek­tuelle und viel­seit­ige Oboist, Diri­gent und Kom­pon­ist Heinz Hol­liger (geb. 1939) ist in sein­er Neugi­er den dama­li­gen Ent­deck­ern nicht unähn­lich: Er ist immer auf der Suche nach neuen Gebi­eten. Das Hölderlin’sche Tin­ian-Frag­ment aus den Hes­perischen Gesän­gen lautet: „Die Blu­men gibt es, nicht von der Erde gezeugt, von sel­ber aus lock­erem Boden sprossen die, ein Wider­strahl des Tages. Nicht ist es ziemend, diese zu pflück­en, denn gold­en ste­hen, unzu­bere­it­et, ja schon die unbe­laubten Gedanken gle­ich.“
Hol­liger schafft eine Art musikalis­che Prosa, eine Wort­musik, wenn man so will, oder eine Klan­grede. Der Text liegt der Musik nicht sil­benge­treu unter wie bei einem Lied, es sind vielmehr Stim­mungs­bilder von großer Dichte und Aus­sagekraft. Es ist eine klangspeku­la­tive Kam­mer­musik, die Deu­tun­gen offen­lässt. Allein im „ruba­to par­lan­do“ hat man den Ein­druck eines wirk­lichen Sprechens der Musik. In der nur zwei­seit­i­gen Par­ti­tur find­et man eine häu­fig auf­brausende Direk­theit des Klangs, einen Wech­sel zwis­chen klang­hafter und geräuschhafter Präsenz. Es ist, wie bei Hol­liger eigentlich immer, eine Spuren­suche im musikalis­chen Gren­zge­bi­et. Die erste Fas­sung für einen Fün­f­saiter wurde von Johannes Nied im Jahr 2002 bei den Som­mer­lichen Musik­ta­gen in Hitza­ck­er uraufge­führt.
Wolf­gang Teubner