Gielen, Michael

Unbedingt Musik”

Erinnerungen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Insel, Frankfurt am Main 2005
erschienen in: das Orchester 12/2005 , Seite 69

Michael Gie­lens auto­bi­ografis­ches Buch begin­nt mit über­aus nach­den­klichen Begrün­dun­gen und Def­i­n­i­tio­nen über das Erin­nern. Und eine zeit­lang ist sein Erin­nern dann auch ein tiefes, zurück­füh­len­des Ein­tauchen in eine Kind­heit – voller Bilder des unbeschw­ert-kindlichen Glücks und des kindlichen Unglücks. Dazu gibt es Fotografien, in denen das Erin­nerte eine zusät­zliche Deut­lichkeit bekommt.
Im Laufe des Schreibens ver­lässt Gie­len diese biografisch-lit­er­arische Intim­ität und wech­selt in einen Stil eines Arbeit­stage­buchs. Das spiegelt sein Lebensethos wider, das von der Maxime geprägt war: „Wir arbeit­en nicht, um zu leben, son­dern leben, um zu arbeit­en.“ Das führt aber auch zu ein­er gewis­sen Dis­tanz im Ton des Schreibens bis hin zur Beiläu­figkeit. Es gibt Momente der Emphase – manch­mal, wenn es um die Fam­i­lie geht, immer, wenn es um men­schliche und kün­st­lerische Wahrhaftigkeit geht.
Michael Gie­len lässt sich nur sel­ten tiefer in die Seele schauen. Trotz­dem bildet sich in den Kapiteln, die die zahlre­ichen kün­st­lerischen Sta­tio­nen seines Lebens zwis­chen Stock­holm, der „Ära Gie­len“ in Frank­furt und der „Erfül­lung“ beim SWR-Orch­ester in Baden-Baden, die Begeg­nun­gen mit anderen Kün­stler­per­sön­lichkeit­en zum Inhalt haben, das Bild eines Mannes von hoher Men­schlichkeit, von nicht geringer Ver­let­zlichkeit. Sog­ar hin­ter anek­do­tis­ch­er Leichtigkeit ste­ht Lebensernst: Adornos gock­el­hafte Auf­dringlichkeit hat für Gie­len spür­bar auch etwas Amoralis­ches, und das nicht nur, weil es um seine eigene Frau ging. Mit wachen, kri­tis­chen Augen und Ohren eingestreut sind immer wieder Bis­sigkeit­en über Kol­le­gen (Kara­jans „strom­lin­ien­för­miger Klang“), die im näch­sten Moment uneingeschränk­ter Bewun­derung weichen kön­nen. Die Wach­heit bezieht sich auf einen ein­fühlsamen Umgang mit Anderen, den Gie­len auch für sich ein­fordert und auch oft schmer­zlich ver­misst bis hin zu Gefühlen der Demü­ti­gung, als man ihn in Stock­holm „nicht mehr wollte“. In solchen Sit­u­a­tio­nen kehrt wohl das Gefühl zurück, das Gie­len im Kind­heit­skapi­tel als kon­sti­tu­tiv für sich beschrieben hat: „trau­rig, allein, ohne die Gruppe, in der ich mich aufge­hoben fühlte“.
Solche men­schlichen „Schutzgür­tel“ gab es für Gie­len etwa in der leg­endären „Ära Gie­len“ in Frank­furt, als man dort „manche abgenutzte olle Oper zum ersten Mal“ gese­hen habe und das Haus her­aus­trat „aus der Rei­he der bürg­er­lichen kon­ven­tionellen deutschen Stadtthe­ater“. Die Erin­nerung an Frank­furt ist Gie­len Anlass für wichtige Fremd- und Selb­stein­schätzun­gen. Es gab Wag­n­er, gehört „mit den Ohren Baude­laires oder Debussys“ und Puc­ci­ni ohne „das Süßliche“. Gie­len sagt hier über sich: „Ich habe mich ein­mal als einen ‚getreuen Kor­repeti­tor‘ beze­ich­net und mein unspek­takuläres, sach­be­zo­genes Musizieren wurde nicht gle­ich wahrgenom­men als die nötige Kor­rek­tur zum eitlen Schaugepränge und der effek­thaschen­den Ver­logen­heit, die die Wieder­gabe von Musik meist prägt.“
Der let­zte Teil der gie­len­schen Erin­nerun­gen ist „Erfahrun­gen und Gedanken“ über­schrieben und beste­ht aus ein­er Rei­he von Essays zu musikalis­chen Fra­gen. So etwa der Ver­such, über den Weg der Lit­er­atur (Musil) der Musik (Mahler) hab­haft zu wer­den. Oder ein ein­dringlich­es Plä­doy­er für Franz Schrek­er. Ein Kapi­tel „Vom Dirigieren“ wird manchen Leser kün­ftig wom­öglich aufmerk­samer im Konz­ert zuhören lassen. Ein Kapi­tel gehört dem wichti­gen eige­nen Kom­ponieren. Und ziem­lich am Schluss gibt es dann doch das unver­stellt Per­sön­liche in dieser Biografie, das „Was ich heute liebe“: Wein, Seu­rat („der kün­stlich­ste…, vielle­icht deshalb mir der näch­ste“), Zigar­ren, Him­beeren, Mozarts Così fan tutte und Goethes Wahlver­wandtschaften und Glock­en mit ihren faszinieren­den Klän­gen. Michael Gie­len war sein Leben sich­er nie auf der Suche nach dem „fer­nen Klang“, aber nach einem anderen, neuen. Wie und dass er ihn gefun­den hat, ist in diesem Buch zu lesen. Fotos doku­men­tieren die „Ära Gie­len“ in Frank­furt, eine Disko­grafie und ein Per­so­n­en­reg­is­ter kom­plet­tieren das Buch.
Gün­ter Matysiak