Verdi, Giuseppe

Un ballo in maschera

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: EuroArts 2055108
erschienen in: das Orchester 07-08/2007 , Seite 84

Zu Beginn ihrer ersten gemein­samen, sehr erfol­gre­ichen Amerika­tournee spot­teten manche amerikanis­chen Kri­tik­er offen­sichtlich in Unken­nt­nis der his­torischen Gegeben­heit­en darüber, dass Ric­car­do Chail­ly aus der Musik­metro­pole Ams­ter­dam in die Leipziger Prov­inz als Chefdiri­gent gewech­selt sei. Am Ende hat­ten das tra­di­tion­sre­iche Eli­te­orch­ester und sein charis­ma­tis­ch­er Chefdiri­gent der neuen Welt bewiesen, welch ein musikalis­ches Poten­zial in dieser Verbindung steckt.
Auf einem erschiene­nen Mitschnitt von Verdis Un bal­lo in maschera, der im Novem­ber 2005 in der Leipziger Oper aufgeze­ich­net wurde, ist dies facetten­re­ich nachzu­vol­lziehen. Chail­ly und das hochkonzen­tri­erte Gewand­hau­sor­ch­ester Leipzig bieten dabei einen Ver­di der Spitzen­klasse. Dabei gehört der ital­ienis­che Diri­gent nicht zu den Vertretern seines Fachs, die Ver­di auf einen Liefer­an­ten schön­er Melo­di­en reduzieren will. Mit gehärtetem Klang­bild, zupack­ender Energie, ges­pan­nter Rhyth­mik und, wenn nötig, orches­traler Wucht sieht er diesen Masken­ball als ein Werk des Über­gangs. Dabei kann er sich auf das seine Inten­tio­nen reak­tion­ss­chnell umset­zende Gewand­hau­sor­ch­ester in jedem Takt ver­lassen. Auf ähn­lich hohem Niveau wie die Orch­ester­leis­tung bewegt sich auch der von Romano Gan­dolfi und Sören Eck­hoff vor­bere­it­ete Chor der Oper Leipzig.
Von ein­er ange­blichen Krise des Ver­di-Gesangs, wie sie gele­gentlich gerne beschworen wird, ist bei dieser Auf­führung kaum etwas zu spüren. Auch wenn die ganz großen Namen des Ver­di-Gesangs hier nicht vertreten sind, dieser Masken­ball hat auch vokal ein hohes Niveau. Mas­si­m­il­iano Pis­apias Ric­car­do prof­i­tiert von der Kraft des Tenors eben­so wie der Geschmei­digkeit. Er verbindet teno­ralen Glanz mit Beweglichkeit seines Organs und zeich­net zumin­d­est vokal ein überzeu­gen­des Rol­len­porträt. Chiara Tai­gi kann mit ihrem auf­blühen­den Spin­to-Sopran trotz gele­gentlich etwas geschärfter Höhe als Amelia begeis­tern. Facetten­re­ich und mit vie­len Klang­far­ben gestal­tete sie die Vielschichtigkeit der Fig­ur. Als ihr Mann Rena­to agiert Fran­co Vas­sal­lo zwar etwas eindi­men­sion­aler, sein zuver­läs­sig-kraftvoller Bari­ton offen­bart aber keine Schwächen. Mit pro­fun­dem Alt lässt Anna Maria Ciuri als Ulri­ca aufhorchen. Eun Yee Yous Oscar klingt trotz aller Koloratur­sicher­heit ein Spur zu soubret­tig. Her­mann Wal­lén (Sil­vano), Tuo­mas Pur­sio (Samuel), Metodie Bujor (Tom) und Seung-Hyun Kim run­den das Ensem­ble auf mehr als soli­dem Niveau ab.
Während dieser Leipziger Masken­ball musikalisch kaum Wün­sche offen lässt, ist die Insze­nierung Erman­no Olmis eine einzige Ent­täuschung. Der ital­ienis­che Regis­seur, der mit Fil­men wie Der Holzschuh­baum oder Lang lebe die Sig­no­ra auf sich aufmerk­sam machte, hat kein Konzept für Un bal­lo in maschera. Zwar hat ihm Arnal­do Pomodoro eine an Bauhaus­sach­lichkeit gemah­nende Bühne ein­gerichtet, doch Olmi bietet nur alt­modis­ches Ram­p­enthe­ater. Man fühlt sich an eine konz­er­tante Auf­führung in hässlichen Kostü­men erin­nert, für die eben­falls Pomodoro ver­ant­wortlich zeigt.
Wal­ter Schneckenburger