Wessel, Michael

Üben – Proben – Karriere

12 Interpreten im Gespräch

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2012
erschienen in: das Orchester 01/2013 , Seite 63

Übung macht den Meis­ter! Oder doch nicht? Dieser Frage geht Michael Wes­sel, selb­st ausüben­der Musik­er und Hochschullehrer, in seinem Inter­view­band nach. Er ver­sucht im Gespräch mit zwölf Sängern und Inst­rumentalisten her­auszufind­en, was dran ist am Ver­hält­nis zwis­chen „Inspi­ra­tion“ und „Tran­spi­ra­tion“. Und schließlich geht es neben dem indi­vidu­ellen Üben und dem gemein­samen Proben im Ensem­ble auch um die Frage, wie man Kar­riere am besten plant und organ­isiert – oder ob sie sich einem solch struk­turi­erten Zugriff gar entzieht.
Auf die erste Frage – die nach der Übezeit – geben die Gesprächspart­ner eine erstaunliche Antwort: Die wenig­sten der durch­weg sehr bekan­nten Solis­ten wie Paul Badu­ra-Sko­da, Pierre-Lau­rant Aimard, Jörg Wid­mann oder Annette Dasch üben beson­ders viel, einige sog­ar extrem wenig. Und der Geiger Chris­t­ian Tet­zlaff absolviert seine tägliche Übestunde sog­ar auf dem Heim­train­er. Das generell knappe Pen­sum liegt meist an aus­gedehn­ter Konz­ert- und damit ver­bun­den­er Reisetätigkeit, aber auch daran, dass bei wach­sender Erfahrung vieles an neu hinzuk­om­menden Stück­en „the­o­retisch“, also lediglich anhand der Reflex­ion des Noten­textes, gel­ernt wird. Kaum ein­er empfind­et diese zeitliche Beschränkung beim Üben mit dem Instru­ment oder der Stimme als Nachteil, oft wird von den Befragten sog­ar der Vorteil her­vorge­hoben, durch nur mäßiges Wieder­holen die Frische ein­er Inter­pre­ta­tion bewahren zu kön­nen – selb­st wenn ein Solokonz­ert oder eine Opern­par­tie zum hun­dert­sten Mal auf dem Pro­gramm ste­hen.
Wie stark es im aktuellen Musik­be­trieb auf Rou­tine und die Paarung von tech­nis­ch­er Meis­ter­schaft mit kün­st­lerisch­er Inspi­ra­tion ankommt, wird dem Leser bei der Darstel­lung der Abläufe an Konz­ert­ta­gen bewusst gemacht: Ein, zwei kurze Proben zur Ver­ständi­gung mit dem Orch­ester müssen da in den meis­ten Fällen reichen. Das führt dazu, dass alle der befragten Instru­men­tal­solis­ten beim The­ma Kam­mer­musik ger­adezu ins Schwel­gen kom­men. Dort wird aus­führlich, manch­mal gar bis zur Erschöp­fung geprobt. Zum The­ma Kar­riere hinge­gen äußern sich die Stars eher vor­sichtig-beschei­den; ihre eigene, äußerst erfol­gre­iche Lauf­bahn wird da oft auf glück­liche Zufälle wie die Begeg­nung mit Förder­ern zurück­ge­führt.
Michael Wes­sels Inter­view­band liest sich über gute Streck­en zwar leicht und flüs­sig, die ohne Schlussfol­gerun­gen ein­fach nebeneinan­dergestell­ten Gespräche sind als Ganzes allerd­ings doch zu unsys­tem­a­tisch, als dass daraus wis­senschaftliche Erken­nt­nisse abgeleit­et wer­den kön­nten. Zwar gehen die Inter­views deut­lich über das rein Anek­do­tis­che hin­aus, der vielfach durch­scheinende Plaud­er­ton scheint allerd­ings im einen oder anderen Fall das struk­turi­ert­ere Nach­fra­gen ver­hin­dert zu haben. So bleibt die Erken­nt­nis, dass zwar fast alle der zu Wort gekomme­nen Kün­stler wenig üben – das aber wiederum auf jew­eils sehr indi­vidu­elle Weise organ­isieren.
Daniel Knödler