Ravel, Maurice

Tzigane

Rapsodie de concert pour violon et orchestre/piano, mit einer Einführung von Christine Baur, Urtext, hg. von Douglas Woodfull-Harris

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2012
erschienen in: das Orchester 01/2013 , Seite 69

Mau­rice Rav­els Konz­ertrhap­sodie Tzi­gane gehört zu den pop­ulärsten und meist­ge­spiel­ten Vir­tu­osen­stück­en für Vio­line. Rav­el hat­te 1922 die ungarische Geigerin Jel­ly d’Arányi, eine Großnichte der Vio­lin­le­gende Joseph Joachim, ken­nen gel­ernt, als sie in Paris zusam­men mit Béla Bartók dessen brand­neue erste Vio­lin­sonate vortrug. Per­sön­lichkeit und Geigen­spiel der feuri­gen Ungarin beein­druck­ten ihn zutief­st. Den Plan, ihr eine Rhap­sodie sozusagen maßgeschnei­dert „auf den Leib“ zu schreiben, ver­wirk­lichte er aber erst zwei Jahre später: 1924 ent­stand Tzi­gane. Das Werk set­zte sich in Winde­seile durch, wiewohl die Rezep­tion von Beginn an geteilt war und es an kri­tis­chen Stim­men nie gefehlt hat, die die Kom­po­si­tion zum Teil rundweg ablehn­ten. Hier mag manch­es Missver­ständ­nis mitschwin­gen. Rav­els Ziel war es, „ein Vio­lin­stück für Vir­tu­osen zu schreiben“. Und weit­er: „Es war nicht mein Bestreben, Ungarn her­aufzubeschwören, das ich nicht kenne; meine Tzi­gane ist nicht das für Budapest, was, unter meinen anderen Werken, La Valse für Wien und La Rhap­sodie Espag­nole für Spanien ist; es ist haupt­säch­lich ein Stück für die Vio­line.“ Und da es passend für Jel­ly d’Arányi sein und ihre Art des Vio­lin­spiels reflek­tieren sollte, bot sich die Form ein­er ungarischen Rhap­sodie ger­adezu an. Rav­el näherte sich dem Sujet mit der ihm eige­nen respek­tvoll-iro­nis­chen Dis­tanz. Ent­standen ist so ein Meis­ter­w­erk: raf­finiert inno­v­a­tiv, tem­pera­mentvoll und klangsinnlich, augen­zwinkernd iro­nisch, poliert, extrem wirkungsvoll, vir­tu­os, dabei aber keineswegs über­ra­gend schw­er zu spie­len. Kein Wun­der, dass es der­art pop­ulär ist.
Die vor­liegende Neuaus­gabe ist höchst willkom­men. Chris­tiane Baurs Ein­führung gibt kom­pe­tent und äußerst infor­ma­tiv Ein­blick in die Entste­hungs- und Pub­lika­tion­s­geschichte, befasst sich mit den ver­schiede­nen Fas­sun­gen des Werks – es existiert in drei Ver­sio­nen: für Vio­line entwed­er mit Luthéal- (prä­pari­ert­er Konz­ert­flügel), Klavier- oder Orch­ester­be­gleitung –, mit frühen Auf­führun­gen, Rezep­tion und Auf­führung­sprax­is. Baurs Bemerkung, Rav­el sei mit Tzi­gane „an die Gren­zen des tech­nisch Mach­baren gegan­gen“ darf man get­rost ignori­eren: kein Geiger heutzu­tage, der etwas auf sich hält, der es nicht im Reper­toire hätte, es gibt ein­drucksvolle Auf­nah­men im Dutzend. Der Aus­gabe für Vio­line und Klavier sind zwei Geigen­stim­men beigegeben, eine unedi­tierte Ver­sion und das Fak­sim­i­le ein­er Ein­rich­tung von Adri­enne Fachiri, ein­er Nichte Jel­ly d’Arányis, die eine Zeit lang Unter­richt bei ihrer Tante hat­te und das Werk wohl (ange­blich) mit der Wid­mungsadres­satin – von der es wed­er eine Ein­spielung noch eine eigen­händig ein­gerichtete Solostimme gibt – studiert hat. Wie weit das nun authen­tisch und dann wiederum repräsen­ta­tiv für Rav­els Auf­fas­sung sein mag, sei dahingestellt.
Der von Dou­glas Wood­full-Har­ris peni­bel sorgsam edi­tierte Text der Neuaus­gabe hält einige wenige Über­raschun­gen parat, so z.B. das cis statt c in Takt 27 der großen Solokadenz. Sehr zu loben, wiewohl lei­der dur­chaus nicht Stan­dard aller heuti­gen Urtex­taus­gaben, ist der sowohl der Orch­ester­par­ti­tur als auch der Vio­lin-Klavier-Aus­gabe ange­fügte Kri­tis­che Kom­men­tar. Da weiß man dann immer­hin, woran man ist.
Her­wig Zack