Tuya Klangwerk

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Auris Subtilis as-p 5048 – 2000
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 76

Zum ersten Mal betrat Wolf­gang Amadeus Mozart am 12. April 1789 säch­sis­chen Boden, als er eine neue Konz­ertreise antrat und zwei Tage später im Res­i­den­zschloss zu Dres­den ein Hofkonz­ert gab. Zwei­hun­dert Jahre nach seinem Todestag grün­dete sich in Chem­nitz 1991 die Säch­sis­che Mozart-Gesellschaft e.V., ein­mal jährlich ver­anstal­tet der Vere­in das „Säch­sis­che Mozart­fest“. 2010 zeich­nete die Gesellschaft das Duo Tuya Klang­w­erk (Petr Kru­pa und Math­is Stendike) als „soloists in res­i­dence“ aus und ver­traute ihm mehrere Konz­erte und Pro­jek­te an. Ein klin­gen­des Ergeb­nis dieser Zusam­me­nar­beit ist nun auf der CD Tuya Klang­w­erk zu hören; die Auf­nah­men dazu ent­standen teil­weise während ein­er Ver­anstal­tung am 17. Mai 2010 im Klinikum Chem­nitz.
Tuya Klang­w­erk benutzt über­wiegend Instru­mente, die schon zu Mozarts Zeit­en fes­ter Bestandteil dama­liger Musik waren: Vio­la, Vio­line, Flöte, Horn. Den­noch scheint die Musik des Duos meilen­weit von der Mozarts ent­fer­nt zu sein. Was einzig und allein an der Ver­wen­dung divers­er Elec­tron­ics liegt, die dem Sound einen Aspekt jen­seits klas­sis­ch­er, von Mozart bee­in­flusster Musikvorstel­lun­gen ver­lei­hen. Wo Petr Kru­pa mit den Fin­gern die Sait­en zupft, anstatt sie zu stre­ichen, erhebt sich neben und hin­ter dem Klang das fein zise­lierte, in kleinen Häp­pchen darge­botene elek­tro­n­isch erzeugte Mate­r­i­al. Pfeifen, Säuseln, Rauschen, Sum­men, Flüstern, Knis­tern – das elek­tro­n­is­che Klang­ma­te­r­i­al weist mit kleinem Fin­ger zur Geräuschfam­i­lie hin, die Lui­gi Rus­so­lo 1916 definierte.
Kru­pa und Stendike beziehen sich auf prähis­torische Musik­stile, die sie mit einem zeit­genös­sis­chen Sound bele­gen, der in Elec­tron­ic-Kreisen gerne als Lounge Music oder, neg­a­tiv­er, als New-Age-Klänge betitelt wer­den. Doch diese bei­den Posi­tio­nen wider­sprechen sich bei Tuya Klang­w­erk über­haupt nicht. Das Gegen­teil gilt: Wo die Sait­en- und Blas­musik an ihre kreativ­en Gren­zen stößt, übernehmen klug geset­zte elek­tro­n­is­che Soundtüfteleien die Verbindung zwis­chen Klas­sik und Mod­erne. Mal klingt die Musik wie Irish Folk, wenn Petr Kru­pa wie in Nur jet­zt den Augen­blick der Klan­gentste­hung einzufrieren scheint. Dann wieder schre­it­et die Musik durch höfis­che Pas­sagen wie in Min­nesänger, als sei Orlan­do di Las­so auf einen Sprung vor­bei gekom­men. In diesen Momenten ver­beu­gen sich Kru­pa und Stendike vor den Meis­tern der Tra­di­tion, indem sie der tra­di­tionellen Musik die Unruhe des Zeit­geistes und den Rhyth­mus unser­er Tage an die Seite stellen.
„Musik darf das Ohr nie belei­di­gen, son­dern muss vergnü­gen.“ Hat Mozart ein­mal gesagt. Das wäre immer ein Sün­den­fall, den Tuya Klang­w­erk für sich aus­geschlossen hat. Ihre Musik wirkt an kein­er Stelle so, als gälte es, auf Biegen und Brechen einen Schul­ter­schluss zwis­chen Klas­sik und Unter­hal­tung herzustellen. Tuya Klang­w­erk bekom­men immer rechtzeit­ig den Fuß aus der Türe, hin­ter der die Falle ein­er unverbindlich-seicht­en Kun­st­musik lauert.
Klaus Hüb­n­er