Wieczorek, Rainer

Tuba-Novelle

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dittrich, Berlin 2010
erschienen in: das Orchester 10/2010 , Seite 67

Für “Der Inten­dant kommt” (2005) wurde Rain­er Wiec­zorek, geboren 1956 in Darm­stadt, 2008 mit dem Ger­hard-Beier-Preis aus­geze­ich­net. 2009 fol­gte Zweite Stimme, und mit der Tuba-Nov­el­le legt der Autor nun den drit­ten Band sein­er Kün­stler­nov­ellen vor – mit einem bemerkenswerten Titel insofern, als ein Tubist als Sub­jekt, als erkennbare Per­sön­lichkeit in der Nov­el­le nicht erscheint. Der Tubaspiel­er bzw. die Klänge seines Instru­ments erscheinen vielmehr als Chiffre für äußere Ein­flüsse auf die Arbeit des Geistess­chaf­fend­en. Der schöpferische Prozess kann so vielfältig sein wie die Men­schen, die es auf sich nehmen, Neues, Eigenes zu schaf­fen.
Am Beispiel Samuel Beck­etts, dessen Schreib­hem­mungen leg­endär sind, formt Wiec­zorek spiegel­bildlich die Per­son eines Essay­is­ten, der sich in Ussy-sur-Marne, dem Ort, in dem Beck­ett sich gerne schreibend aufhielt, für einige Monate nieder­lässt, um über ihn zu schreiben. Der Geist des Orts soll ihm Beflügelung und Ver­tiefung sein. Par­al­le­len zum Objekt seines Schreibens entste­hen insofern, als Beck­ett selb­st sich gestört fühlte vom Bau ein­er Jagdhütte in sein­er Umge­bung; den Essay­is­ten befall­en Schreib­block­aden, als er im nach­bar­lichen „Spanis­chen Haus“ einen Tubis­ten üben hört. Hier kor­re­lieren die optis­che Störung bei Beck­ett und die akustis­che des Essay­is­ten in ihrem Ein­fluss auf die Entste­hung eines schrift­stel­lerischen Werks.
Aus dieser Aus­gangslage ent­fal­ten sich reich­haltige gedankliche Beziehun­gen – über den Prozess des Schöpferischen, über die Musik, über des Essay­is­ten Ver­hält­nis zum Cel­lo spie­len­den Vater, im weitesten Sinne über alle Ein­flüsse, die das Schöpferische bee­in­flussen, block­ieren kön­nen.
Span­nend, faszinierend zu lesen, wie Rain­er Wiec­zorek Verknüp­fun­gen her­stellt aus der Jet­zt-Zeit zur Ver­gan­gen­heit, jen­er Beck­etts und jen­er des Essay­is­ten, im Nach­denken über Kun­st, über Glück, über Schweigen, über Musik­er. Kluge Gedanken.
Getrübt wird das Lesev­ergnü­gen nur durch den Blick auf den Ein­band: Die Tuba-Nov­el­le ziert ein Trompe­ten­mund­stück. Unverzeih­lich.
Peter Hoefs