Beethoven, Ludwig van

Tripelkonzert C‑Dur op. 56 / Klaviertrio D‑Dur op. 70 Nr. 1 “Geistertrio”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Antes BM-CD 31.9202
erschienen in: das Orchester 02/2005 , Seite 84

Über Gebrauchs­bear­beitun­gen musikalis­ch­er Werke im 19. Jahrhun­dert ließen sich ganze Regal­me­ter wis­senschaftlich­er Arbeit­en schreiben (ein Teil davon existiert wirk­lich). Zunächst denkt man vor allem an Klavier­auszüge: Sie übertru­gen die Orch­ester­par­tien von Konz­erten, Ora­to­rien und Opern einem einzel­nen Klavier­spiel­er, während Solo- und Chorstim­men unverän­dert blieben. Daneben gab es das weite Feld rein­er Klavier­bear­beitun­gen: Hier wur­den Instru­men­tal­w­erke von der Sin­fonie bis zum Stre­ichquar­tett, aber auch Opern und Ora­to­rien mit Haut und Haaren für ein oder zwei Klaviere zu zwei, vier oder acht Hän­den arrang­iert. Außer­dem existierten weit­ere Bear­beitungsvari­anten. Eine beson­ders noble war die Bear­beitung für Klavier­trio. Beethovens eigene Tri­o­fas­sung der 2. Sym­phonie oder Theodor Kirch­n­ers geniale Tri­o­fas­sung von Brahms’ Stre­ich­sex­tet­ten haben schon fast wieder die Aura von Originalen.
All diese Bear­beitun­gen tru­gen vor dem Zeital­ter von Schallplat­te und Rund­funk wesentlich zur Ver­bre­itung von Kun­st­musik im pri­vat­en Rah­men – also außer­halb der Konz­ert­säle – bei. Wer solche Bear­beitun­gen hören wollte, musste sie zumeist auch spie­len. Diese „Selb­st­beteili­gung“ inten­sivierte den kün­st­lerischen Genuss und ver­hin­derte Berieselungs­men­tal­ität, die selb­st manche öffentlichen Rund­funkanstal­ten (etwa der NDR) den Hör­ern heute durch nervtö­tende Häp­pchen­pro­gramme aufzwingen.
Die neue CD des Aren­sky Trios führt mit ihrer ersten Hälfte anschaulich in jene alte Bear­beitung­sprax­is zurück: Vor Beethovens „Geis­ter­trio“ op. 70 Nr. 1, das in ein­er bündig-aus­ge­wo­ge­nen, frischen, im zen­tralen langsamen Satz stim­mungsvoll-struk­turk­laren, bei den Dop­pelpunk­tierun­gen im Seit­en­the­ma des 
1. Satzes allerd­ings selt­sam sor­glosen Wieder­gabe erklingt, ist Carl Rei­neck­es 1866/67 ent­standene Klavier­trio-Bear­beitung von Beethovens Tripelkonz­ert op. 56 zu hören. Rei­necke – frucht­bar­er Kom­pon­ist, geschichts­be­wusster Pianist und renom­miert­er Leit­er des Leipziger Gewand­hau­sor­ch­esters – war freilich nicht der erste, der eine pure Klavier­trio-Fas­sung des Werks veröf­fentlichte: Bere­its vier Jahre zuvor hat­te – was zur Ergänzung des infor­ma­tiv­en Book­lets hier erwäh­nt sei – der von Schu­mann einst als „tief­sin­niger, großer Kun­st beflis­sener geistlich­er Ton­set­zer“ gerühmte Friedrich Eduard Wils­ing eben­falls schon ein Klavier­trio-Arrange­ment veröf­fentlicht. Die heik­le Dop­pelauf­gabe, Orch­ester- und Solopar­tien schlüs­sig im Klavier­trio-For­mat zusam­men­zuführen und dabei solis­tis­che und orches­trale Ton­fälle trennscharf auseinan­der zu hal­ten, hat Rei­necke dur­chaus intel­li­gent und fan­tasievoll gelöst, wie sich mit Beethovens Orch­ester­par­ti­tur in der Hand beim Hören der reinen Dreier­fas­sung leicht fest­stellen lässt. 
Freilich stellt man auch fest, dass die Stärken des Aren­sky Trios doch ein­deutig im reinen Kam­mer­musik­spiel liegen. Der per­ma­nente Rol­len­tausch zwis­chen orches­traler Kom­pak­theit und solis­tis­chem Auftrumpfen führt zumin­d­est die Stre­ich­er beim eingedampften Tripelkonz­ert unüber­hör­bar an Gren­zen, die beim „Geis­ter­trio“ unhör­bar bleiben. So ist die erste Hälfte der CD inter­es­sant, die zweite überzeugend.
Michael Struck