Ustwolskaja, Galina

Trio für Klarinette, Violine und Klavier

Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Sikorski, Hamburg 2005
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 82

Das Trio für Klar­inette, Vio­line und Klavier ist ein früh­es Werk der erst in den achtziger Jahren des ver­gan­genen Jahrhun­derts im West­en bekan­nt gewor­de­nen rus­sis­chen Kom­pon­istin Gali­na Ust­wol­ska­ja (*1919). Nach Ust­wol­ska­jas Stu­di­en­jahren bei Dmitri Schostakow­itsch ist es 1949 ent­standen, wurde aber erst 1970 in der dama­li­gen Sow­je­tu­nion pub­liziert. Es ist erfreulich, dass dieses Werk, das 1975 noch ein­mal über­ar­beit­et wurde, jet­zt endlich in der „Exempla-nova“-Reihe erschienen ist, han­delt es sich doch um ein wichtiges Werk im Werde­gang der äußerst selb­stkri­tis­chen, in St. Peters­burg behei­mateten Kom­pon­istin, die ins­ge­samt nur 25 ihrer Werke freigegeben hat. Bedeut­sam war es auch für Schostakow­itsch, der ein The­ma (Zif­fer 30) aus dem Schlusssatz des Trios in sein 5. Stre­ichquar­tett ein­fügte. Das Ver­hält­nis zwis­chen Ust­wol­ska­ja und ihrem Men­tor war nicht span­nungs­frei, doch zollte er ihr große Anerken­nung, indem er schrieb: „Nicht du stehst unter meinem Ein­fluss, son­dern ich unter deinem.“
Das atonale Trio zeigt schon in vielem den Weg auf, den die damals vierzigjährige Kom­pon­istin danach gehen sollte: Reduk­tion auf das abso­lut Notwendi­ge, Dichte der musikalis­chen Aus­sage, Nei­gung zu extremen Gestal­tun­gen, ständi­ger Tak­twech­sel und ein starkes lin­ear­es Denken bes­tim­men die drei Sätze des Werks. Dass es ihr primär um den Aus­druck der Musik geht, zeigen die Satzüber­schriften: Der erste Satz ist mit „Espres­si­vo“, der zweite mit „Dolce“ und der dritte Satz mit „Ener­gi­co“ über­schrieben. Tem­poangaben fehlen ganz. Über weite Streck­en ist die Satzdichte auf eine Zweis­tim­migkeit reduziert, auch der Klavier­part ist in den ersten bei­den Sätzen extrem aus­gedün­nt. Nur der kon­tra­punk­tisch durchge­formte dritte Satz mit sein­er uner­bit­tlichen Viertel­be­we­gung weist eine größere Klangdichte auf, die sich auch dynamisch in einem durchgängi­gen forte, das bis zum vier­fachen forte gesteigert wird, äußert. Hier­auf fol­gt mit einem Absturz ins vier­fache piano zugle­ich der größte dynamis­che Kon­trast. Der Satz ver­liert mit ein­er Reduk­tion des Mate­ri­als auf wenige Hal­tetöne und einen dis­so­nan­ten Akko­rd in ametrisch­er Folge in der tief­sten Klavier­lage seine gesamte Energie.
Spiel­tech­nisch stellt das 15-minütige Trio, das eine große Bere­icherung des Reper­toires für diese Trio-Beset­zung bedeutet, keine beson­deren Ansprüche. Gelingt es den Inter­pre­ten, die ele­mentaren Kräfte dieser Musik zu erfassen, hin­ter­lässt das Trio einen tiefen Ein­druck und verdeut­licht, in welch­er musikgeschichtlichen und per­sön­lichen Kon­flik­t­si­t­u­a­tion das Werk ent­standen ist.
Herib­ert Haase