Werke von Palle Mikkelborg, Thomas Clausen und Claus Ogerman Symbiosis
Tribute to Bill Evans
Thomas Clausen Trio, Singapore Symphony Orchestra, Ltg. Jean Thorel
Was tun, wenn man ein historisches Konzert aufführen möchte, aber keine Partitur zur Verfügung steht? Das Singapore Symphony Orchestra beantwortete diese Frage, indem es den Komponisten Ding Jian Han beauftragte, das von Claus Ogerman komponierte, zweisätzige Stück Symbiosis anhand der 1974 auf dem Label MPS veröffentlichten Plattenaufnahme zu transkribieren. Mit Hilfe eines erhaltenen Klavierauszugs und des mit Ogermans Eigenheiten vertrauten Musikers Hans Sørensen gelang es tatsächlich, eine weitestgehend originalgetreue Version zu rekonstruieren.
Das Aufführen von Werken „with symphony“ waren und sind ein Traum für viele Jazzmusiker:innen. Claus Ogerman, ein wandlungsfähiger Tausendsassa zwischen Filmmusiken, Orchestrierungen, Liedkunst und sinfonischen Werken, zählte zu den Spitzenkräften, wenn es darum ging, Songs und Platten von Jazzstars wie Oscar Peterson, Billie Holiday, Frank Sinatra, George Benson, Diana Krall und vielen anderen mit Orchesterklängen auszustatten. Warum? Er konnte mit Flächen ausstaffieren, feinsinnig schattieren, die Instrumentengruppen vielstimmig ineinander verschränken, Erwartungshaltungen erfüllen oder sich darüber hinwegsetzen.
Bei der Aufführung am 6. Januar 2023 und den rund um dieses Datum terminierten Tonaufnahmen übernahm das Trio des dänischen Pianisten Thomas Clausen weitgehend die vom Bill Evans Trio gespielten Passagen, improvisierte zwischendurch aber auch nach eigenem Gusto. Diese Einspielung wirkt homogener als die Aufnahme von 1974. Nun geraten auch Orchesterstimmen ins Klangbild, die in der früheren Fassung verdeckt waren.
Obwohl es der Titel nahelegt, bringt Symbiosis keine vollständige Integration der Klangkörper. Im Abschnitt I,1 des ersten Satzes stellt Ogerman Orchester und Pianotrio nebeneinander. Erst in I,2 kooperiert der Schlagzeuger Karsten Bagge mit den Wellenbewegungen des Orchesters, bevor sich in I,3 Clausen am E-Piano sowie der Kontrabassist Thomas Fonnesbæck und Bagge mit den Streichern vermengen: eine tatsächliche Symbiose. Auf diese eher luftigen 25 Minuten folgt im zweiten Satz ein zartes Gespinst aus Klavier und Orchester – der berührendste Abschnitt des ganzen Stücks. Eine längere Triopassage folgt, auf die füllige Orchestersounds antworten. Sie münden in ein zartes, nur sanft von Streichern begleitetes Pianosolo.
Da die 43-minütige Fassung keinen Konzertabend trägt, ergänzen Clausens Orchesterstück For Pi und eine bereits 1969 von Palle Mikkelborg auf der Basis einiger Themen von Evans komponierte Bill Evans Suite das Programm. Hier ist das Orchester eher für einen gut arrangierten Hintergrund zuständig und bei Weitem nicht so eigenständig wie in Symbiosis, das bestens als Mittelpunkt eines „Crossover“-Abends taugt.
Werner Stiefele


