Uecker, Gerd

Traumberuf Opernsänger

Von der Ausbildung zum Engagement

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel, Leipzig 2012
erschienen in: das Orchester 07-08/2012 , Seite 68

Den Titel des Buchs liest man automa­tisch mit Frageze­ichen. Sind Leben und Wirken eines Sängers, speziell des Opern­sängers, wirk­lich ein Traum­beruf, eine Folge glam­ourös­er Auftritte ohne Anstren­gung, ohne Gefährdung? Die heutige Ver­mark­tungsin­dus­trie sug­geriert dies gerne, set­zt bei ihren „Stars“ auf Showw­erte, hin­ter denen kün­st­lerische Kri­te­rien leicht unken­ntlich wer­den. Und einem großen Fono­be­trieb genügte es irgend­wann nicht mehr, das schicke Sän­gere­hep­aar Anna Netrebko/Erwin Schrott alleine abzulicht­en, es wurde auch noch der äußer­lich nicht min­der attrak­tive Jonas Kauf­mann in diesen Hochglanzbere­ich ein­mon­tiert. Keine Frage: Es han­delt sich bei den Genan­nten um exzel­lente Kün­stler, aber in der Präsen­ta­tion dominiert die Optik. Man weiß ja, ein großer Teil des Pub­likums lässt sich von Außen­reizen bis hin zur Hys­terie blenden. Im Buch von Gerd Ueck­er fällt der Name Netre­bko ein einziges Mal Pars pro Toto, an ander­er Stelle wird Maria Callas als Syn­onym für gesan­gliche Per­fek­tion und gestal­ter­ische Inten­sität erwäh­nt. Anson­sten gibt es keine Per­son­al­hin­weise. Der Autor zielt auf All­ge­meinanspruch, informiert sach­lich, dabei ohne akademis­che Trock­en­heit, fast wie in einem ver­traut­en Gespräch.
Ueck­er ist ein Mann der Prax­is. Er lernte Klavier, Musikpäd­a­gogik und Dirigieren. Seine Lauf­bahn begann er als Solorepeti­tor (diesem Beruf­szweig gel­ten in seinem Buch so manche Hin­weise), stieg in Pas­sau zum Operndi­rek­tor auf und wech­selte dann in gle­ich­er Posi­tion an das Münch­n­er Nation­althe­ater. Später wurde er Inten­dant der Dres­d­ner Sem­per­op­er. In all den Jahren ging er überdies ein­er umfänglichen Lehrtätigkeit nach.
Nicht zulet­zt das selb­st erprobte „von der Pike auf“ ist es, was Ueck­er ange­hen­den Sängern als Ratschlag, mehr noch: als eine Con­di­tio sine qua non auf den Weg geben möchte. Dass er dabei weit ausholt, selb­st geläu­fige Begriffe wie „Musikalität“ erörtert oder Stim­m­gat­tun­gen peni­bel auflis­tet, mag im Detail etwas schul­meis­ter­lich wirken. Doch auf diese Weise sum­miert sich das Buch zu einem ver­lässlichen Kom­pendi­um, welch­es in sein­er Über­sichtlichkeit kein Reg­is­ter nötig hat. Alle Berufs­fra­gen von Belang wer­den abgedeckt, bekan­nte und unbekan­ntere Prob­leme ange­sprochen und selb­st ver­meintliche Neben­säch­lichkeit­en wie die angemessene Klei­dung beim Vorsin­gen nicht aus­ges­part.
Ueck­er lässt ahnen, dass Sin­gen ein „traumhafter“ Beruf sein kann. Doch vor den Erfolg haben die Göt­ter nun ein­mal den Schweiß geset­zt. Der „Arbeit­sall­t­ag“ (Über­schrift eines umfänglichen Kapi­tels) ist also
„keine kon­tinuier­liche Ereigniskette kün­st­lerisch­er Ekstasen“, son­dern eine „(Lern)Reise ohne Ende“. Gewarnt wird vor roman­tisierend irrealen Vorstel­lun­gen eben­so wie auch vor falsch­er Zurück­hal­tung. Vor allem jedoch: „Ein Opern­sänger muss bren­nen für seine Kun­st“, ihr seine ganze Arbeit­skraft wid­men und bere­it sein, Pri­vates hin­tanzustellen. Ein steiniger, aber auch her­rlich­er Weg.
Christoph Zimmermann