Gottwald, Clytus

Transkriptionen

Werke von Berg, Caplet, Debussy, Holliger, Mahler, Messiaen, Ravel und Wagner

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Carus 83.181
erschienen in: das Orchester 06/2007 , Seite 81

Bere­its 1960 grün­dete Clytus Gottwald die Schola Can­to­rum Stuttgart, mit der er unge­mein erfol­gre­ich war. Viele Kom­pon­is­ten wie Pierre Boulez, Hel­mut Lachen­mann oder Krzysztof Pen­derec­ki schrieben Werke für ihn. Immer wieder hat er sich inten­siv mit Tran­skrip­tio­nen beschäftigt, von denen nun einige der besten auf der vor­liegen­den CD ver­sam­melt sind. Mit dem vorzüglichen SWR Vokalensem­ble Stuttgart unter der inspiri­eren­den Leitung von Mar­cus Creed bleiben die einzel­nen Werke sehr ein­dringlich im Gedächt­nis. Die zwei Stücke Soupir und La vallee des cloches von Mau­rice Rav­el bestechen nicht nur mit impres­sion­is­tis­chem Esprit, son­dern vor allem auch mit inten­sivem Stim­men­re­ich­tum und facetten­re­ichen Klangflächen. Das Motivge­bilde scheint sich dabei immer weit­er und klar­er aufzufäch­ern. Und das anonyme Klin­gen der Glock­en schim­mert in den geheimnisvollen melodis­chen Gebilden in mys­tis­ch­er Weise auf.
Auch André Caplet gehört zum franzö­sis­chen Impres­sion­is­mus. Er ist sehr stark von Claude Debussy bee­in­flusst, was das SWR Vokalensem­ble Stuttgart unter Mar­cus Creed auch aus­ge­sprochen plas­tisch betont. Eben­falls sehr präzis kommt die beson­dere mys­tis­che Aus­rich­tung dieser Musik zum Vorschein, die inten­siv mit der sur­re­al-seriellen Welt eines Olivi­er Mes­si­aen kor­re­spondiert. Selb­st gre­go­ri­an­is­che Anklänge erin­nern bei Pre­sen­ta­tion, Ago­nie au Jardin und Res­ur­rec­tion an Olivi­er Mes­si­aen, wobei die archais­che Ton­sprache beson­ders her­vorsticht.
Die erstaunliche Ver­wandtschaft zwis­chen Olivi­er Mes­si­aen und Claude Debussy fällt bei der akustisch tadel­losen Ein­spielung beson­ders auf. Rhyth­mis­che Verän­derun­gen und chro­ma­tis­che Arabesken und Fig­u­ra­tio­nen gehen bei Lob der Ewigkeit Jesu und Soupir (Debussy) ganz ineinan­der über. Fließende melodis­che und kon­tra­punk­tis­che Ströme find­en zusam­men, verdicht­en sich und bilden einen dynamisch kon­trastre­ichen Klangkos­mos. Ein­drucksvoll kommt die Har­monik mit ihren zahlre­ichen chro­ma­tis­chen Klangver­schär­fun­gen bei den drei frühen Liedern Die Nachti­gall, Im Zim­mer und Traumgekrönt von Alban Berg zum Vorschein, wobei
Creed mit dem SWR Vokalensem­ble die Nähe zu Opern wie Wozzeck und Lulu betont. Der lei­den­schaftliche Über­schwang dieser Musik kommt eben­so her­vor­ra­gend zum Aus­druck wie die sich abze­ich­nende Entwick­lung zur atonalen Zwölfton­tech­nik. Alles ist von extremer har­monis­ch­er Durch­sichtigkeit geprägt. Heinz Hol­ligers zwei frühe Lieder nach Tex­ten von Chris­t­ian Mor­gen­stern bestechen hier bei den bei­den Sätzen Vöglein Schw­er­mut und Herb­st mit Arpeg­gien, die sich mit rhyth­mis­ch­er Eben­mäßigkeit, aber auch ergreifend­er Schlichtheit behaupten. Eine starke Nähe zu tra­di­tionellen kom­pos­i­torischen Werten ist dabei nicht zu leug­nen, selb­st Stret­ta-Effek­te ver­leugnet Hol­liger hier nicht.
Neben Alban Bergs Liedern gelin­gen dem SWR Vokalensem­ble Stuttgart unter der Leitung von Mar­cus Creed die bei­den Stu­di­en Im Treib­haus und Träume aus der Oper Tris­tan und Isol­de von Richard Wag­n­er am besten.
Creed arbeit­et die sphären­hafte und mys­tis­che Ekstase der Par­ti­tur mit immer größer­er Emphase her­aus, ein riesiger dynamis­ch­er Bogen bre­it­et in unaufhör­lich fließen­der Bewe­gung seine Flügel aus. Mathilde Wesendon­ck ist hier als heim­liche Geliebte die Wid­mungsträgerin. Und man merkt der Kom­po­si­tion bei dieser Inter­pre­ta­tion deut­lich an, dass sie aus einem ver­bote­nen Gefühl her­aus ent­standen ist. Mar­cus Creed verdeut­licht die expres­siv­en chro­ma­tis­chen Span­nun­gen und die Nähe zum Tris­tan-Akko­rd sehr plas­tisch und ger­adezu aufre­gend. Der poly­fone Reich­tum von Gus­tav Mahlers Vokalfas­sung des Rück­ert-Liedes Ich bin der Welt abhan­den gekom­men, die 1985 ent­stand, über­rascht ins­beson­dere durch ihre geheimnisvollen und unaufhör­lichen Inter­vallspan­nun­gen, die der Wieder­gabe einen geheimnisvollen Hin­ter­sinn geben.
Alexan­der Walther