Gottwald, Clytus / Alma und Gustav Mahler

Transkriptionen für Chor a cappella

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Carus 83.370
erschienen in: das Orchester 07-08/2013 , Seite 74

Wie aus dem Nichts entste­ht der Klang, ganz zart entwick­eln sich die Stim­men des Chors. Und erst allmäh­lich rei­hen sich die langsam gesun­genen Worte aneinan­der und ergeben einen Sinn. Aber ist das nicht Instru­men­tal­musik, die da zu hören ist? Das wird sich ganz gewiss jed­er Men­sch fra­gen, der die vor­liegende CD zu hören bekommt, ohne sie vorher gese­hen oder das Book­let gele­sen zu haben. Und ken­nen wir den Text nicht schon aus einem etwas anderen Zusam­men­hang? Des Rät­sels Lösung: Die zehn Minuten Musik, um die es hier geht, sind das berühmte Adagi­et­to aus Gus­tav Mahlers 5. Sin­fonie, und zwar in ein­er Ver­sion für sechzehn­stim­mi­gen Chor.
Für solche „Spezial­itäten“ gibt es einen ganz speziellen Chor, der seit etlichen Jahren immer wieder mit inter­es­san­ten und span­nen­den Tran­skrip­tio­nen aufhorchen lässt: das SWR Vokalensem­ble Stuttgart. Dessen neueste CD-Pro­duk­tion mit Musik von Gus­tav und Alma Mahler ver­sam­melt nun aber­mals Juwe­len, die Chordiri­gent Mar­cus Creed und seine Sän­gerin­nen und Sänger gleißend funkeln lassen. Darunter eben auch das Adagi­et­to. Beim Hören kön­nte man schnell auf den Gedanken kom­men, die Bear­beitung sei in Wirk­lichkeit ein Orig­i­nal – so überzeu­gend und zwin­gend ist, was Clytus Gottwald da arrang­iert hat. Und er hat mit Joseph von Eichen­dorffs Im Aben­rot einen Text gefun­den und dem Mahler-Orig­i­nal unter­legt, der haar­ge­nau die Stim­mung und Gefühlslage des Adagi­et­to aus­deutet, etwa die vierte Stro­phe: „O weit­er, o stiller Friede! So tief im Aben­drot, wie sind wir wan­der­müde, ist das etwa der Tod?“ Richard Strauss hat dieses Gedicht in einem sein­er Vier let­zten Lieder aus­drucksstark ver­tont, hier, in der Ver­sion von Clytus Gottwald, wirkt es nicht min­der inten­siv, ja ergreifend – was ganz sich­er und nicht zulet­zt dem exquis­iten Chork­lang zu ver­danken ist. Gewaltige dynamis­che Band­bre­ite, schöne Aus­ge­wogen­heit der einzel­nen Stim­men und große Kul­tiviertheit kennze­ich­nen das SWR Vokalensem­ble, dem zuzuhören weit mehr als ein­mal den bekan­nten „Gänse­haut-Effekt“ aus­löst. Das gilt für Mahlers Ich bin der Welt abhan­den gekom­men, für Die zwei blauen Augen, erst recht für die Erstein­spielun­gen der Lied-Tran­skrip­tio­nen Um Mit­ter­nacht, das Urlicht und Wo die schö­nen Trompe­ten blasen, Let­ztere mit wun­der­voll klang­ma­lerischen Ein­wür­fen.
Neben den Kom­po­si­tio­nen Gus­tav Mahlers sind es aber auch Drei frühe Lieder aus der Fed­er von Alma Mahler, von Gottwald für sechs- bis zehn­stim­mi­gen Chor tran­skri­biert, die richtig lohnen! Nicht nur, weil Alma Mahlers Œuvre noch immer viel zu wenig bekan­nt ist, son­dern weil es ein­fach faszinierende, inspiri­erte Musik auf der Höhe ihrer Zeit ist. Mit klar spätro­man­tis­chen Wurzeln, aber auch auf dem Weg in Neu­land. Drama­tisch sich auf­bauend Die stille Stadt, schwel­gerisch die Laue Som­mer­nacht, har­monisch unglaublich dicht und von ger­adezu sat­ter Tiefe Bei dir ist es traut.
Faz­it: Die bei­den Mahlers und Clytus Gottwald – ein Trio, das Bekan­ntes und Seltenes ganz neu und aufre­gend wer­den lässt.
Christoph Schulte im Walde