Werr, Sebastian (Hg.)

Tradition und Innovation

im Holzblasinstrumentenbau des 19. Jahrhunderts

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wißner, Augsburg 2012
erschienen in: das Orchester 07-08/2012 , Seite 67

Das Buch liegt gut in der Hand, aber ist kein Hochglanzpro­dukt mit beein­druck­enden Fotos und weni­gen Worten. Ganz im Gegen­teil. Doch sor­gen Abbil­dun­gen und Fak­sim­i­les für das zeit­genös­sis­che Ambi­ente
und ver­an­schaulichen die tech­nis­chen Details.
Der Holzblasin­stru­menten­bau im 19. Jahrhun­dert ist, zugegeben, nicht für jed­er­mann sofort ein span­nen­des The­ma. Doch hat man erst ein­mal diesen schö­nen Tagungs­bericht – denn das Buch basiert auf den Ergeb­nis­sen ein­er Tagung des Insti­tuts für Musik­wis­senschaft der Lud­wig-Max­i­m­il­ians-Uni­ver­sität München – begonnen zu lesen, legt man ihn so schnell nicht wieder aus der Hand. Dem eilig blät­tern­den, vielle­icht an manchen Punk­ten ver­weilen­den, aber auch dem Seite um Seite lesenden Nutzer ist es gle­icher­maßen eine Bere­icherung.
Gle­ich zu Beginn wer­den Instru­men­ta­tion­slehren, die sich mit den jew­eils aktuell ver­füg­baren Instru­menten und deren Möglichkeit­en beschäfti­gen, als Quelle ver­wen­det: Was hat­ten die Kom­pon­is­ten tat­säch­lich zur Ver­fü­gung im Dic­kicht alter und neuer Mod­elle und Instru­mente, die vielfach nebeneinan­der geblasen wur­den? Über­haupt wurde eine Menge Lit­er­atur von den fleißi­gen Autoren dieses Buchs gewälzt und ist über Fußnoten ohne großes Blät­tern immer schnell nachvol­lziehbar.
Spezieller wird es, wenn die Klangide­ale des Wiener Hofs um 1910 analysiert wer­den. Mit viel Herzblut recher­chiert ist dieses The­ma. Immer­hin war Wien damals Haupt­stadt eines riesi­gen Reich­es mit sehr lebendi­gem, inter­na­tionalem Musik­leben.
Dass Neuerun­gen oft mit dem Ver­schwinden von Alt­be­währtem ein­herge­hen, ist auch im Instru­menten­bau eine Tat­sache. So änderte sich manch lieb gewonnenes Klangide­al zugun­sten des etwas anderen Tons eines tech­nisch flex­i­bleren Neul­ings. Instru­mente unter­liegen Mod­en und Strö­mungen und wer­den von Neuen­twick­lun­gen eben­so bee­in­flusst wie alle anderen Pro­duk­tion­s­güter. Irgend­wann wer­den sie sog­ar his­torisch. Damit ist dieses Buch, das dur­chaus auch von inter­essierten Nicht­musik­ern mit Gewinn rezip­iert wer­den kann, auch Teil der Kul­tur- und Sozialgeschichte des 19. Jahrhun­derts.
Die Mil­itär­musik und deren spezieller Blasin­stru­menten­bau ist eben­falls detail­liert erläutert. So erfährt man, dass die Infan­teriereg­i­menter nach der Reform 1811 u.a. mit „Musik­ban­den“ von zehn bis zwölf „Haut­bois­t­en“ (was nicht zwangsläu­fig Obois­t­en meint) aus­ges­tat­tet wur­den – in Galau­ni­for­men und mit neuen Instru­menten.
Nun fol­gen Mono­grafien, die sich mit diversen Instru­menten beschäfti­gen: mit der Quer­flöten-Sit­u­a­tion in Leipzig Ende des 19. Jahrhun­derts (die Böhm­flöte im Ver­gle­ich zum alten Sys­tem); sodann sehr gelun­gene Texte zur Klar­inette, zum Siegeszug der franzö­sis­chen Oboe, Infor­ma­tio­nen zum genialen Exoten Heck­el­fon, zum Fagott, den etwas speziellen Wiener Instru­menten und dem Kon­trafagott. Alles ist gut recher­chiert und les­bar. Her­aus­ge­ber Sebas­t­ian Werr lotet am Ende des Buchs die Möglichkeit­en des Ein­satzes dieser his­torischen Instru­mente heute aus – auch dies sehr lesenswert.
Heike Eickhoff