Lachenmann, Helmut

Toccatina

Studie für Violine allein

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2006
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 85

Der 1935 in Stuttgart geborene Hel­mut Lachen­mann gehört zu den führen­den Per­sön­lichkeit­en der musikalis­chen Avant­garde. Lachen­mann ist kein ein­fach­er Fall, polar­isierend wie wenige andere. Den einen ist er Leit­fig­ur musikalis­ch­er Erneuerung, den anderen eso­ter­isch­er Exot.
Ein­er­seits geht es ihm immer wieder darum, die gewohnte Musizier­prax­is zu spren­gen, strebt er nach Brechung des bere­its Ver­traut­en. „Bedi­ent habe ich nie. Ich bin kein Dien­stleis­tung­sun­ternehmen. Der­lei Befriedi­gung wäre zugle­ich Betrug und Selb­st­be­trug.“ Ander­er­seits ver­wahrt er sich lei­den­schaftlich gegen Miss­deu­tun­gen, will nicht Galions­fig­ur der Freaks der Szene, Agent provo­ca­teur um des Provozierens willen sein. „Es geht mir immer wieder auf andere Weise um diesel­ben Prob­lem­lö­sun­gen: Wie befreie ich die klin­gen­den Momente von all diesen Beset­ztheit­en? Wie mache ich die Möglichkeit von Frei­heit im klin­gen­den Ereig­nis bewusst?“
Für die 1986 geschriebene Toc­cati­na für Vio­line solo hat er eine völ­lig neue Spiel­tech­nik erfun­den. Ganz über­wiegend wer­den die Sait­en nicht gestrichen oder gezupft, son­dern es wird mit der Spannschraube des aufgestell­ten Bogens auf die Sait­en getupft. Ver­fein­ert ist diese Tech­nik durch raf­finierte Klang­ef­fek­te wie Spannschrauben­pizzi­ca­to oder ‑vibra­to. Mit dem Bogen gestrichen wer­den darf auch, allerd­ings nicht auf den Sait­en, son­dern auf ver­schiede­nen genau beze­ich­neten Stellen der Ober­fläche des Instru­ments: der Sch­necke, dem recht­en hin­teren Wirbel usw., des Weit­eren gibt es noch eine beson­dere leg­no-Wis­chbe­we­gung und manch­es andere mehr. Wie diese Tech­niken genau auszuführen sind, ist in der „Zeich­en­erk­lärung“ detail­liert beschrieben.
Man sieht schon, hier ist gar nichts wie son­st, nahezu die gesamte tra­di­tionelle Vio­lin­tech­nik wird auf den Kopf gestellt, kom­plett nut­z­los. Allein die Fix­ierung der Ton­höhen auf den Sait­en mit der recht­en Hand anstelle der linken, der nor­malen Greif­hand, dazu noch mit der Spannschraube, also ohne direk­ten Kon­takt der Fin­ger zur Saite, bere­it­et unendliche Mühe, macht das Ler­nen dieser Toc­cati­na zu ein­er sehr zeitaufwändi­gen Angele­gen­heit. Lassen wir uns davon nicht abschreck­en und unterziehen uns – wenig­stens gedanklich – ein­mal der Mühe. Was ist das klan­gliche Resul­tat?
Ich muss zugeben, dass ich mich ein­er gewis­sen Rat­losigkeit und Skep­sis nicht erwehren kann. So inter­es­sant die implizierten Tech­niken der Idee nach sein mögen: Das klan­gliche Ergeb­nis eines Spannschrauben­tupfers ist ein dünnes, met­allis­ches, kurzes „Fiepsen“, das Geräusch des Stre­ichens auf dem Wirbelka­s­ten oder einem der Wirbel schon auf zwei Meter Ent­fer­nung kaum mehr hör­bar. Eine Auf­führung in jeglich­er Art von Saal dürfte ohne Mikro­fon­ver­stärkung aus­geschlossen sein. Am Instru­ment wären unbe­sponnene Stahl­sait­en aufzuziehen, denn die Tupfer mit der Met­all-Spannschraube wür­den jedes andere Mate­r­i­al, seien es syn­thetis­che oder Darm­sait­en, in Kürze ruinieren. Aber lassen wir die Bedenken­trägerei: Der Toc­cati­na wäre zu wün­schen, es mögen sich genug Mit­glieder der geigerischen Zun­ft find­en, die sich mit Ide­al­is­mus ihrer annehmen, der schöpferischen Orig­i­nal­ität eines großen Geistes wegen.
Her­wig Zack