Jon Lord

To Notice Such Things

Suite für Flöte solo, Klavier und Streichorchester, Klavierauszug, hg. von Paul Mann, Partitur und Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 04/2018 , Seite 62

Was tun Sie, wenn Sie abends noch ein­mal spazieren gehen? Ziel­gerichtet und schnell im Stech­schritt los­marschieren und den an der Leine ziehen­den Hund zur näch­sten Lat­er­ne geleit­en, oder lassen Sie sich hin­reißen, zuerst an Nach­bars aufge­blühter Klet­ter­rose zu schnup­pern, dem Abendge­sang der Vögel im Son­nenun­ter­gang zu lauschen und mal hier­hin, mal dor­thin zu flanieren – Augen und Ohren weit offen für all die Geheimnisse, die die Däm­merung preis gibt? Lassen Sie den Hund zu Hause und lassen Sie das geistige Mäan­dern zu: Jon Lord zielt in sein­er sech­steili­gen Suite für Flöte solo, Klavier und Stre­i­chorch­ester hochvir­tu­os und fein facettiert auf die Sinne. Pro­gram­ma­tis­che Über­titelun­gen stellen schnell die Weichen für inter­pre­ta­torische Grundlin­ien im teils wehmüti­gen, teils ger­adezu über­müti­gen musikalis­chen Charak­ter­isieren des dem Kom­pon­is­ten teuren Fre­un­des John Mor­timer, in dessen Gedenken die Suite 2010 kom­poniert wurde. Die Solo-Flöte soll hier­bei die Auf­gabe haben, „für John zu ‚sprechen‘: Sein Lachen und seine Seufz­er, seine Wehmut und gele­gentlich milde Übel­lau­nigkeit, seine Ver­spieltheit, eben­so die Pein und schließlich Akzep­tanz sein­er let­zten Tage.“
Mit As I Walked Out One Evening eröffnet das Grün­dungsmit­glied von Deep Pur­ple seinen sehr laut­ma­lerischen, fan­tasievollen Reigen um den facetten­re­ichen Charak­ter des großen Kün­stlers und ent­fal­tet sogle­ich eine durch alle Sätze schillernde Klang­tapete, die durch zahlre­iche Tak­twech­sel, chro­ma­tis­che Pas­sagen im anson­sten tonal gebun­de­nen Gefüge, motorisch durch reizvolle Akzentver­schiebun­gen mal mit feinem Pin­sel­strich, mal kraftvoll zupack­end chang­iert und dem Flötis­ten ein nicht geringes Maß an Tech­nik und Ner­ven­stärke abver­langt.
Im Kon­trast zu den spritzig bewegten Sätzen ste­hen langsame Sätze wie The Win­ter of a Dor­mouse (sehr aus­drucksvoll, voller Dra­matik und Schmerz mit beredter Kadenz) oder das schwebende 3. Stück Turville Heath. Die sehr wirkungsvollen, fast an Film­musik gemah­nen­den Stücke geben der Flötistin viel Spiel­raum, der in der Orig­i­nal­fas­sung klan­glich noch wirkungsvoller durch Klavier und Stre­i­chorch­ester eröffnet wird. In der vor­liegen­den Klavier­auszug­fas­sung wer­den die bei­den Kün­stler sehr eng miteinan­der arbeit­en müssen; vielle­icht übern­immt die Flöte auch Aspek­te aus dem Klavier­part, der den Pianis­ten im reduzierten Auszug vor nicht geringe spiel­tech­nis­che Prob­leme stellen wird.
Vom let­zten Satz (After­wards) gibt es neben der rein instru­men­tal­en noch eine Ver­sion mit Sprech­er und Klavier; hier han­delt es sich eigentlich um ein kleines Melo­dram. Obgle­ich die Textpas­sagen in hohem Maß per­sön­lich auf Mor­timer zugeschnit­ten sind, kann doch für fern Ste­hende eine inter­es­sante Abstrak­tion erre­icht wer­den, da dur­chaus all­ge­me­ingültige Über­legun­gen im ewigen Kreis um Leben und Tod auf der Metaebene eine Rolle spie­len.
Die 2009 uraufge­führte Suite ist mit ein­er Spiel­d­auer von etwa ein­er hal­ben Stunde eine große Bere­icherung für jedes pro­gram­ma­tisch konzip­ierte Konz­ert.
Christi­na Humen­berg­er