Timo Jouko Herrmann

Antonio Salieri

Eine Biographie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Morio
erschienen in: das Orchester 09/2019 , Seite 56

Dieses Buch ist eine reine Lobeshymne. Sich­er nicht nur, weil dessen Ver­fass­er das ver­schol­lene Freuden­lied Per la ricu­per­a­ta salute di Ofe­lia wiederge­fun­den hat, das einst Anto­nio Salieri, Wolf­gang Amadeus Mozart und Cor­net­ti gemein­sam kom­ponierten.

Timo Jouko Her­rmann, pro­moviert­er Musik­wis­senschaftler, Kom­pon­ist und Diri­gent, will Salieri (1750–1825) den Platz in der Musikgeschichte zurück­geben, der ihm sein­er Mei­n­ung nach zuste­ht. Her­rmann begin­nt das Lebens­bild des Kom­pon­is­ten zwar mit der Wieder­ent­deck­ung des Liedes und der schö­nen Anek­dote, dass er selb­st ganz alt­modisch mit Bleis­tift und Noten­pa­pi­er kom­poniere und lieber in realen Archiv­en als im Inter­net recher­chiere. Gefun­den hat er Per la ricu­per­a­ta salute di Ofe­lia aber aus­gerech­net am PC, im tschechis­chen Muse­um der Musik.

Nach dem Blick auf Fam­i­lie und Jugend – nach dem frühen Tod des Vaters wurde der Kom­pon­ist Flo­ri­an Leopold Gassmann zum „Zweit­vater“ und Lehrer – bre­it­et Her­rmann vor allem den Arbeit­sall­t­ag Salieris aus. Ihn als „Vielschreiber“ zu beze­ich­nen, wäre wohl noch unter­trieben und so gibt die Biografie Ein­blick in dessen Verpflich­tung, als „k.k. Kam­mer-Com­pos­i­tor“ beständig neue Musik zu höfis­chen Anlässen zu liefern, ein end­los­er Strom von Werken. Sehr oft fall­en zu diesen Werken Worte wie „lau­nig“ oder „unter­halt­sam-galant“, die Wirkung beim Pub­likum schildert er so anschaulich, als hätte er damals im The­ater gesessen. Da wären Hin­weise, woher er sein Wis­sen hat, hil­fre­ich gewe­sen. Aber Her­rmann beherrscht auch die eher sel­tene Kun­st, Musik nachvol­lziehbar zu beschreiben: Da wer­den Posaunen für dun­kle Mächte, pastellne Klang­far­ben für Nymphen einge­set­zt, schießen Solostim­men „wie Feuer­w­erk­sraketen in die Höhe“.

Allerd­ings ver­liert er sich in lan­gen Inhalt­sangaben, stellt Salieri mehrfach als Ver­fechter der Gluckschen Opern­re­form dar, ohne diese zu erläutern. Aber der Autor ent­deckt in Salieris Kom­po­si­tio­nen auch „sozialkri­tis­che Ansätze“ und sel­ten behan­delte The­men wie Eheschei­dung oder Sklaverei (in der Oper „Tatare“). Die Bekan­ntschaft mit Mozart zieht sich durch das Buch, auch weil Salieri an zwei Opern­stof­fen scheit­erte, die dann Mozart über­nahm: Così fan tutte und La Clemen­za di Tito. Und natür­lich befasst er sich mit dem Gerücht, Salieri habe den Konkur­renten Mozart ermordet, und ent­deckt eine „nation­al­is­tis­che Grund­fär­bung“ in Tex­ten, die „den Stolz des Vater­lands“ (Mozart) gegen „deutschen Über­mut“ (Salieri) stell­ten.

Sehr lesenswert auch, dass Beethoven, Schu­bert oder Hum­mel bei ihm kosten­losen, an kein Lehrbuch gebun­de­nen Unter­richt erhiel­ten, was beim jun­gen Schu­bert 1814 zu dessen erster Messe in F-Fur D 105 führte. Und wenn der Autor Salieri im Epi­log als „his­torische Fig­ur“ beze­ich­net, gehört dazu auch, dass der Kom­pon­ist seine große Furcht während der napoleonis­chen Kriege in Psalmen und Kan­tat­en fasste. Für Timo Jouko Her­rmann ist Anto­nio Salieri ein Erneuer­er, wenn auch kein musikalis­ch­er Rev­o­lu­tionär, und ein kos­mopoli­tis­ch­er Kün­stler, dessen Werk drin­gend wieder­ent­deckt wer­den muss.

Ute Grund­mann