Morton Feldman

The Viola in My Life

Antoine Tamestit (Viola), Gürzenich-Orchester Köln, Ltg. François-Xavier Roth

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: harmonia mundi
erschienen in: das Orchester 3/2026 , Seite 75

Liest man im Booklet das Geleitwort von Bratschist Antoine Tamestit zur vorliegenden CD, dann drängt sich der Eindruck auf (der sich beim Hören des Albums bestätigen wird), dass es zwischen dem Solisten und dem Komponisten Morton Feldman (1926–1987) eine Wahlverwandtschaft gibt: „Die Bratsche ist zu meiner Stimme geworden […] und die Musik ist der Ort, an dem ich mir selbst am nächsten bin. Die Bratsche ist nicht nur ein Teil meines Lebens, sie ist mein Leben“, so Tamestit. Vor allem der letzte Nachsatz wirkt wie eine Zuspitzung des Werks, um das es hier geht: The Viola in My Life. Tamestit streicht gewissermaßen das Wörtchen „in“: The Viola = My Life. Als Feldman seinen vierteiligen Zyklus schrieb (1970–71), hatte auch er einen existenziellen Bezug zur Viola, da er zu der Zeit in die Bratschistin Karen Phillips verliebt war. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir es hier mit einer Komposition zu tun haben, die, sonst untypisch für Feldman, dem Melos huldigt. Der Komponist selbst sagte über sein Werk: „Das Kompositionsformat ist recht einfach. Im Gegensatz zu den meisten meiner Musikstücke ist der gesamte Zyklus von The Viola in My Life hinsichtlich Tonhöhe und Tempo konventionell notiert. Ich brauchte die exakten Zeitproportionen, die dem allmählichen und leichten Crescendo zugrunde liegen, das für alle gedämpften Klänge der Viola charakteristisch ist.“
Inspiriert unter anderem vom amerikanischen Minimalismus (Robert Rauschenberg) sind die vier unabhängig voneinander für Karen Phillips geschriebenen Teile zwar unterschiedlich besetzt, aber aufeinander bezogen, vor allem durch die Viola als Soloinstrument. Die Teile I bis III sind kammermusikalisch konzipiert, Teil IV („for viola and orchestra“) ist mit seinen gut 15 Spielminuten ein (eigenständiges) Bratschenkonzert, das oft, auch auf Tonträgern, ohne die vorangegangenen Teile gespielt wird, zuletzt vom Solisten Jürg Dähler auf der CD Viola Concertos – Signatures of Life – LIVE!.
Trotz seines fast klassisch anmutenden Aufbaus (vier Sätze bzw. Teile), seiner (scheinbaren) Affinität zur abendländischen Kammermusiktradition (I–III) bzw. zum Solokonzert (IV) und trotz seiner (neuen) Nähe zu Melos und Harmonik sollte man besser nicht versuchen, The Viola in My Life mit diesen Parametern zu rezipieren, weil man ansonsten am Kern dieses Zyklus vorbeihört. Feldmans „Musik“ (er selbst würde wohl eher von „akustischen Ereignissen“ gesprochen haben, siehe oben) entwickelt sich im Grund nicht, sie ist im Gegenteil radikal statisch.
Es ist das große Verdienst der vorliegenden Aufnahme, dass es ihr gelingt, die Fragilität, Magie und tiefe Schönheit von Feldmans statischen „Gebilden“ hörbar zu machen. Tamestits warmer und in Sachen Vibrato exakter Bratschenton sorgt im Verbund mit den ebenso zurückhaltend wie präzise spielenden Musiker:innen des Gürzenich-Orchesters für eine neue Referenzaufnahme dieses großartigen Zyklus.
Burkhard Schäfer

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