Wagner, Richard

The Ring Without Words

A Symphonic Synthesis by Lorin Maazel

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: EuroArts 2057608
erschienen in: das Orchester 05/2011 , Seite 78

Der Diri­gent Lorin Maazel ist ein­er der wag­n­er-erfahren­sten Diri­gen­ten. Er dirigierte seinen ersten Ring 1967 in Bayreuth. 20 Jahre später bat ihn eine Schallplat­ten­fir­ma, ein rein orches­trales Des­til­lat, eine sin­fonis­che Syn­these des Ring anzufer­ti­gen und mit den Berlin­er Phil­har­monikern einzus­pie­len. Im Jahr 2000 hat er dieses Exper­i­ment noch ein­mal real­isiert, dies­mal wurde es auf DVD in bester Ton- und Bildqual­ität mit­geschnit­ten.
Es ist faszinierend zu sehen, wie im Rhein­gold-Gewit­ter Don­ners Ham­mer­schlag von einem Musik­er der Berlin­er Phil­har­moniker aus­ge­führt wird. Und danach überge­ht in Gewit­ter­musik der Walküre. Oder
wie die Phil­har­moniker die Szene spie­len, in der Siegfried mit seinem selb­st­geschmiede­ten Schw­ert den Amboss der Schmiede seines Ziehvaters zer­schnei­det. Das bedarf kein­er szenis­chen Real­isierung. „Unsicht­bares The­ater“, so Wag­n­er. Die Musik sagt eigentlich alles. Der Regis­seur Yutaro Mimuro set­zt die musikalis­chen Vorgänge auf dem Konz­ert­podi­um so meis­ter­haft ins Bild, der Diri­gent Lorin Maazel lässt die Schnittstellen der musikalis­chen Brüche so naht­los ineinan­der überge­hen, dass der Zuschauer/Zuhörer den Gang der Musik schla­gar­tig ver­ste­ht. In einem als Bonus ange­hängten Inter­view betont Maazel, „dass ich nichts dazu kom­poniert habe, sämtliche Musik in dieser sym­phonis­chen Syn­these des Rings ist von Richard Wag­n­er. Und sie ist chro­nol­o­gisch aufge­baut. Es begin­nt mit den ersten Tak­ten des Rhein­golds und endet mit den let­zten Tak­ten der Göt­ter­däm­merung.“ Die Idee solch­er sin­fonis­chen Syn­the­sen stammt eigentlich vom großen Diri­gen­ten Leopold Stokows­ki, der schon in den späten 1920er Jahren mit sin­fonis­chen Ein­damp­fun­gen des Tris­tan und des Boris Godunow über­raschte.
Lorin Maazels „Ring ohne Worte“ konzen­tri­ert das 16-stündi­ge Mam­mut-Werk auf knapp 80 Minuten. Ein „Fen­ster, durch das man einen Blick auf den Ring als Ganzes erhaschen kann“, so Maazel. Die Beschränkung auf das rein orches­trale, das motivis­che Mate­r­i­al und seine Behand­lung – ohne jede „Ablenkung“ durchs Inszena­torische, Mimis­che und Ver­bale – offen­bart mehr als in jed­er Büh­ne­nauf­führung Wag­n­ers unge­heure Größe als Sin­foniker. Das meiste dieser Musik (bis zum 2. Siegfried-Akt) entstammt den 1850er Jahren. Ver­gle­icht man, was andere Kom­pon­is­ten zu dieser Zeit geschrieben haben, dann wird deut­lich, mit welchem Recht Wag­n­er behaupten durfte, dass er sich astronomisch weit vom Beste­hen­den ent­fer­nt habe.
Die Berlin­er Phil­har­moniker spie­len unter Maazel diese gestis­che, illus­tra­tive, mit Leit­mo­tiv­en die Hand­lung erk­lärende und kom­men­tierende Musik mit prachtvoll­ster Spiel- wie Klangkul­tur und einem Furor, der mitreißt. Man begreift plöt­zlich die Worte Friedrich Niet­zsches, der über Wag­n­ers Musik schreib: „Seine Kun­st führt ihn immer den dop­pel­ten Weg, aus ein­er Welt als Hör­spiel in eine […] Welt als Schaus­piel und umgekehrt.“
Dieter David Scholz