Omer Klein

The Poetics

The Poetics

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: XJazz!Music
erschienen in: das Orchester 11/2026

Ein Montuno, ein Salsa-Ostinato in der linken Klavierhand – aber in Moll. Dann steigen Schlagzeuger Amir Bresler und Kontrabassist Haggai Cohen-Milo ein, bevor Omer Klein mit der rechten Hand eine Melodie spielt, die gleich in eine kleine Improvisation abdriftet. So beginnt Compassion – der Opener von Omer Kleins neuem Album. Es startet sein vertrautes israelisches Trio, ehe nach und nach Tineke Postma und Omri Abramov am Saxofon sowie der Percussionist Tupac Mantilla dazukommen und aus dem Trio ein Sextett machen: The Poetics. Die Premiere des Programms und gleichzeitig das De­büt des Sextetts fand letztes Jahr in der Alten Oper Frankfurt im Rahmen einer Artist-in-Residency von Omer Klein statt. Nun sind die acht neuen Stücke im Studio eingespielt – und zeigen einmal mehr das melodiöse Ge­schick, den harmonischen Reichtum und den rhythmischen Groove des Münchner Jazzprofessors. Nur kommen jetzt noch weitere Klangfarben dazu. Dabei ist „Compassion“ – Mitgefühl – durchaus Programm. Der Wettstreit zwischen Alt- (Tineke Postma) und Tenorsaxofon (Omir Abramov) ist beim Opener kein Battle, sondern ein empathisches Gespräch und wird vom Kla­vier unterfüttert.
Die Allianzen wechseln. Bei Among Lions, das wie ein Kinderlied beginnt, laufen Kontrabass und Tenorsaxofon parallel. Bei der eingängigen Ballade Vento & Terra spielen das Klavier und das Tenorsaxofon ein Unisono, wäh­rend Tineke Postma mit dem Altsaxofon darüber schwebt und in der Folge die Instrumentation immer neu gemischt wird. Das leicht orientalisch getönte, scharfkantige Plat Tunisien ist störrischer, wenn es sich in den Rahmenteilen rhythmisch festbeißt, bevor man in der Mitte zu swingen beginnt. Auch Zebra Dazzle fällt ein wenig aus dem Wohlfühlrahmen. Hier greift Haggai Cohen-Milo zum E-Bass, Omer Klein wechselt zum Fender Rhodes. Die melodischen Linien in dieser Fusion-Nummer sind kürzer und rhythmischer, der Groove ist treibender. Auch hier verleiht die handwerkliche Perfektion des Sextetts dem Ganzen ordentlichen Wumms. Die rhythmisch komplexeste Komposition ist das westafrikanisch beeinflusste Idoma, das auch einen ex­perimentell-improvisatorischen Abschnitt enthält, bevor es allmählich wieder Fahrt aufnimmt. Es sind gerade diese organischen Übergänge, die Omer Kleins Musik auszeichnen.
Eine hohe klangliche Qualität kommt bei diesem Sextett dazu, wenn die Saxofone im wunderbaren Mugica zaubern und Cohen-Milo die Höhenflüge am Kontrabass erdet. Der kurze Samba Of My Own klingt wie eine entspannte Zugabe nach einer intensiven Session. Hier mischt Abramovs Querflöte nochmals eine andere Farbe bei. Und man kann ein letztes Mal Omer Kleins auch rhythmisch raffiniertes Klavierspiel genießen – und dabei mit einer Caipirinha in der Hand leicht wippend den Abendhimmel betrachten.
Georg Rudiger

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