Bamberger Symphoniker

The First 70 Years

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Deutsche Grammophon 479 5921
erschienen in: das Orchester 11/2016 , Seite 65

Seit 70 Jahren existieren die Bam­berg­er Sym­phoniker. Pünk­tlich zu diesem Jubiläum erschienen nun bei der Deutschen Gram­mophon 18 CDs mit Auf­nah­men aus der gesamten Wirkungszeit dieses Orch­esters und seines Vor­läufers, des Deut­schen Phil­har­monis­chen Orch­esters Prag. Unter den Diri­gen­ten dieser Ein­spielun­gen find­en sich nahezu alle Mae­stros der ver­gan­genen Jahrzehnte. Prä­gend für den Klang und die „böh­mis­che Tra­di­tion“ der im „Fränkischen Rom“ behei­mateten Musizierge­mein­schaft war ihr erster Chefdiri­gent Joseph Keil­berth, der seit 1940 in Prag dem Deutschen Phil­har­monis­chen Orch­ester vor­stand. Mit ihm ent­standen in der ersten Hälfte der 1940er Jahre die Auf­nah­men der „Prager Sym­phonie“ von Mozart, der ersten Sym­phonie von Schu­mann sowie Pfitzn­ers Palest­ri­na-Pre­lude.
Das Spek­trum der in diesen CDs enthal­te­nen Werke reicht von der Klas­sik (Beethoven, Schu­bert) bis zur Mod­erne (Straw­in­sky). Beson­ders her­vorzuheben ist die Wieder­gabe von Bruck­n­ers 9. Sym­phonie mit Gün­ter Wand aus dem Jahr 1995 sowie die 1971 erfol­gte Auf­nahme von Mahlers 4. Sym­phonie mit István Kertész und sein­er Frau, der Sopranistin Edith Gabry. Durch die klare Gegenüber­stel­lung von Klang­blöck­en, die wie Bausteine nebeneinan­der ste­hen, macht Wand bei Bruck­n­ers let­zter Sym­phonie die ganze Architek­tur sofort erkennbar. Die instru­men­tal­en Soli von Flöte, Oboe und Klar­inette im zweit­en Satz bestechen mit Präzi­sion, das Ada­gio atmet viel Kraft und die Steigerun­gen wach­sen kon­tinuier­lich. Was die Klangsinnlichkeit in der Darstel­lung von Mahlers Viert­er bet­rifft, ent­fal­tet Kertész in den lyrischen Teilen eine staunenswerte Wärme und Geschmei­digkeit der Melodieführung. „Die himm­lis­chen Freuden“ im Final­satz gestal­tet Gabry mit ein­er kaum zu beschreiben­den Fülle des Wohllauts.
Fre­un­den des kantablen, unprä­tentiösen Klavier­spiels sei die Ein­spielung von Mozarts c-Moll-Klavierkonz­ert KV 491 mit Wil­helm Kempff emp­fohlen. Unter der Leitung von Fer­di­nand Leit­ner musizieren die Musik­er plas­tisch und kon­turen­re­ich. Höchst erfreulich ist auch die Wieder­begeg­nung mit Rudolf Kem­pes leg­endär­er Ein­spielung von Smetanas Oper Die verkaufte Braut aus dem Jahr 1962. Aus der homo­ge­nen Solis­ten­riege ragt vor allem Fritz Wun­der­lich her­aus, der mit nie nach­lassender Kraft in der Höhe und ein­er unver­gle­ich­lichen Pianokul­tur in den lyrischen Pas­sagen die Par­tie des Hans singt.
Klan­glich aus­ge­feilt und überzeu­gend durchge­formt berührt auch Schu­manns 4. Sym­phonie mit Christoph Eschen­bach. Ganz aus dem Innen­raum des Klangs her­aus musiziert ist Brahms let­zte Sin­fonie unter Her­bert Blom­st­edt. Er baut jede Einzel­stimme sinns­tif­tend in die große Werkar­chitek­tur ein, alles fügt sich bis zum Schluss organ­isch ineinan­der. Eine gute Bal­ance zwis­chen Stre­ich­ern und Bläsern, ein geschmei­di­ges Espres­si­vo bietet Horst Stein mit sein­er Darstel­lung von Brahms erster Sym­phonie.
Erwäh­nenswert ist auch der wohlfor­mulierte und inhalt­sre­iche Book­let-Text von Wolf­gang Sand­ner zur Ein­führung in diese sehr zu empfehlende Jubiläumsedi­tion.
Ulrich Alberts