Weill, Kurt

The Eternal Road (highlights)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos 8.559402
erschienen in: das Orchester 12/2005 , Seite 75

Das Erbe der jüdis­chen Musik in Ameri­ka zu erforschen und ein­er bre­it­eren Öffentlichkeit zugänglich zu machen ist die Auf­gabe des „Milken Archive of Amer­i­can Jew­ish Music“. Seit 1990 wer­den hier Ton­doku­mente und Par­ti­turen zusam­menge­tra­gen, fast vergessene Musik ediert und Auf­nah­men vorgestellt, die sich der Bre­ite der Musik der Juden Amerikas seit den ersten Ein­wan­der­ern im 17. Jahrhun­dert annimmt. Einen beachtlichen Teil der Arbeit des Milken-Archivs nimmt die Ein­spielung von vergessen­er oder oft unter­schätzter Musik ein.
In Zusam­me­nar­beit mir der Fir­ma Nax­os sollen nun in ein­er großen Edi­tion des Archivs auf 50 CDs über 600 Werke von 200 Kom­pon­is­ten vorgestellt wer­den. Dabei ist die Span­nweite beachtlich. Zu den in der Rei­he vorgestell­ten Kom­pon­is­ten gehören solche wie Joseph Achron, dessen umfan­gre­ich­es Werk noch der Aufar­beitung har­rt, eben­so wie die Musik des Mit­be­grün­ders der Musi­cal-Tra­di­tion des Broad­way Abra­ham Ell­stein, von Ernst Toch oder Samuel Adler. Bekan­nte Namen wie Arnold Schön­berg oder Leonard Bern­stein fehlen zwar nicht, den­noch ist die CD-Rei­he des Milken-Archivs zuvörder­st eine Fund­grube unbekan­nter Musik, die zumeist von hochkaräti­gen Ensem­bles und Inter­pre­ten musiziert wird. Musik der jüdis­chen The­ater­tra­di­tion wird hier eben­so wie diejenige mit sakralen Ursprün­gen vorgestellt, neben Aus­grabun­gen vergessen­er Kom­pon­is­ten sollen auch junge jüdis­che Kün­stler Raum bekom­men. Zudem sind auch nichtjüdis­che Kün­stler wie Dave Brubeck mit Werken vertreten, dessen Kan­tate The Gates of Jus­tice die his­torische und spir­ituelle Par­al­lele zwis­chen Juden und Afroamerikan­ern zieht.
Für die hohe Qual­ität der Serie des Milken-Archivs ste­ht auch eine CD mit Auszü­gen aus Kurt Weills The Eter­nal Road. Der Dessauer Kan­toren­sohn, dessen Dreigroschenop­er allzu leicht sein weit­eres, sehr bre­ites Schaf­fensspek­trum über­strahlt, hat sich schon als junger Kom­pon­ist mit der jüdis­chen Tra­di­tion befasst. Nach sein­er Vertrei­bung aus Nazi-Deutsch­land schuf Weill in sein­er amerikanis­chen Wahlheimat eine ganze Rei­he von bedeu­ten­den Broad­way­w­erken, die seinen Songstil qua­si in die neue Welt trans­formierten und einen wichti­gen Beitrag zur Geschichte des amerikanis­chen Musik­the­aters darstellen. Ob The Eter­nal Road wirk­lich als Zeichen der Rück­kehr Weills zum jüdis­chen Glauben, von dem er sich zwar nie abge­wandt hat­te, der aber in den 1920er Jahren keine wesentliche Rolle für den Kom­pon­is­ten spielte, gese­hen wer­den kann, darf angezweifelt wer­den.
Sich­er ist, dass The Eter­nal Road unter dem Ein­druck des aufk­om­menden, 1933 in Deutsch­land an die Macht gekomme­nen Nation­al­sozial­is­mus ent­stand und als Zeichen der Sol­i­dar­ität mit den ver­fol­gten Juden ein­er­seits, ander­er­seits als wirkungsmächtiges Zeichen der jüdis­chen Iden­tität zu sehen ist. Die Straße der Ver­heißung, die auf einem Text von Franz Wer­fel (nach der Heili­gen Schrift und in Zusam­me­nar­beit mit dem Regis­seur Max Rein­hardt) basiert, ist for­mal kaum einzuord­nen. Ob Oper, Musik­dra­ma, bib­lis­ches Ora­to­ri­um oder „Jüdis­ches Pas­sion­sspiel“ – das für eine gewaltige Büh­nen­pro­duk­tion vorge­se­hene Werk entzieht sich bekan­nten Charak­ter­isierun­gen.
Die von Ger­ard Schwarz am Pult des sehr aufmerk­samen Rund­funk-Sin­fonieorch­esters Berlin geleit­eten Auszüge umfassen etwa ein Drit­tel der Par­ti­tur, die 1937 in New York in ein­er von ein­er riesi­gen Beset­zung geprägten Urauf­führung (Regie: Max Rein­hardt) zu hören war. Die im Rück­blick auf bib­lis­che Ereignisse erzählte Geschichte der Straße der Ver­heißung zeigt dur­chaus Par­al­le­len zu den damals aktuellen, die Exis­tenz der Juden gefährden­den Ereignis­sen im Vorkriegseu­ropa. Weill greift musikalisch auf die Ora­to­rien­prax­is des 18. Jahrhun­derts eben­so wie auf jüdis­che Ele­mente zurück. Gele­gentlich ist aber auch der Broad­way nicht fern. Es ist dem Werk anzumerken, dass Weill auf Pub­likum­swirk­samkeit bedacht war, was die handw­erk­liche Qual­ität eben­so wenig wie Ein­fall­sre­ich­tum ver­mis­sen lässt.
Dies wird auch in der Berlin­er Auf­nahme deut­lich. Schwarz ist nicht nur am Pult des RSB ein ein­fühlsamer Sach­wal­ter der Musik Weills, auch dank des her­vor­ra­gen­den Ernst Senff Chores und des ohne Schwach­stellen agieren­den Solis­te­nensem­bles ist diese Ein­spielung zu empfehlen. Ob bei der Miri­am der Bar­bara Rearick oder beim mit cremigem Tim­bre aufwartenden Tenor Vale Ride­out: Die Auf­nahme kann jed­erzeit überzeu­gen.
Wal­ter Schneckenburger