Debussy, Claude

The Edgar Allen Poe Operas: La Chute de la Maison Usher / Le Diable dans Beffroi

Göttinger Symphonie Orchester, Ltg. Christoph-Mathias Mueller

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Pan Classics PC 10342
erschienen in: das Orchester 11/2016 , Seite 67

Uner­schöpflich ist die Zahl an unvol­len­de­ten Opern oder Singspie­len der Musikgeschichte, und unter den Namen der Erblass­er, also der Kom­pon­is­ten solch­er Frag­mente, find­en sich sog­ar die bedeu­tend­sten der Gat­tung: Mozart, Weber, Wag­n­er, Puc­ci­ni, Strauss und Berg. Dass es Musik­er nach­fol­gen­der Gen­er­a­tio­nen reizt, auf der Basis von Bruch­stück­en auf­führbare Ver­sio­nen zu erstellen wie im vor­liegen­den Fall der Englän­der Robert Orledge für zwei Poe-Opern von Debussy, erscheint nachvol­lziehbar. Es ist beson­ders plau­si­bel, wenn etwa nur das Finale der Oper fehlte, so etwa bei Puc­ci­nis Turan­dot (ergänzt von Fran­co Alfano 1926, neuer­lich von Luciano Berio 2002) oder Bergs Lulu (Friedrich Cer­ha 1979). Ein beson­deres Beispiel war Webers Buf­fa-Oper Die drei Pin­tos, für die dem jun­gen Mahler nur Manuskripte von sieben Vokalparts zur Ver­fü­gung standen und die den­noch nach der Leipziger Urauf­führung von 1888 ein Pub­likum­ser­folg wurde.
Dass Claude Debussy außer seinem Meis­ter­w­erk Pel­léas et Mélisande von 1902 – der Anti-Wag­n­er-Oper, die doch auch Ver­wandtschaft mit Tris­tan und Isol­de zeigt – und ein­er frühen, nicht voll orchestri­erten Oper Rodrigue et Chimène (rekon­stru­iert von Edis­son Denis­sow 1993) noch Weit­eres hin­ter­ließ, macht neugierig. Nach dem New York­er Erfolg mit Pel­léas 1908 beauf­tragte ihn die Met mit zwei Opern auf der Basis von Kurzgeschicht­en Edgar Allan Poes. Ab 1902 arbeit­ete Debussy an Le Dia­ble dans le Bef­froi und ab 1908 an La Chute de la Mai­son Ush­er, die Libret­ti erstellte er selb­st. Doch sein Kreb­slei­den und sein Tod 1918 ver­hin­derten die Vol­len­dung.
Zwar haben seit den 1970er Jahren mehrere Kom­pon­is­ten, ins­beson­dere Juan Allende-Blin, Debussy-Frag­mente bear­beit­et, doch Orledge und Christoph-Math­ias Mueller kommt das Ver­di­enst zu, den von Debussy vorge­se­henen Dop­pelabend mit Der Unter­gang des Haus­es Ush­er und Der Teufel im Glock­en­turm als Urauf­führung 2013 in der Stadthalle Göt­tin­gen mit dem überzeu­gen­den Sym­phonieorch­ester der Stadt und aus­geze­ich­neten Solis­ten real­isiert zu haben.
Bei Ush­er entwick­elt sich nach einem kurzen, doch in Debussy-Far­ben schillern­den Vor­spiel ein 50-minütiger, höchst drama­tis­ch­er Ablauf, der von tiefen Män­ner­stim­men dominiert wird. Natür­lich kommt auch das musikalis­che Geschehen zum ful­mi­nan­ten Höhep­unkt, wenn – wie es heißt: unter einem blutroten Mond – die Mauern des Haus­es ein­stürzen.
Leichter, ja ger­adezu „mozartisch“ heit­er – auch dank lyrisch­er Chor­par­tien – wirkt die andere, 37 Minuten lange Kur­zop­er. Gemäß Book­let kon­nte Orledge hier auf wenige Skizzen zugreifen, sodass er möglicher­weise nach eige­nen Vorstel­lun­gen bewusst einen Kon­trast zur Dra­matik des län­geren Stücks schaf­fen wollte.
Alle über­liefer­ten Skizzen grif­fig zu doku­men­tieren wäre wohl wichtiger und inter­es­san­ter gewe­sen als die Über­set­zun­gen des franzö­sis­chen Textes. Den­noch ist diese Dop­pel-CD sehr bemerkenswert.
Gün­ter Buh­les