The cello’s opera voice

Werke von Giuseppe Verdi, Carl Maria von Weber, Richard Strauss, Gioacchino Rossini, Johann Strauss jr. und Daniel F. E. Auber

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms OC 546
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 96

Des Cel­los authen­tis­che „opera voice“ vernehmen wir zu Beginn: In der Ouvertüre zu Verdis Mas­nadieri – frei nach Schillers Räu­bern – nach weni­gen Tak­ten erhebt das Cel­lo seine Stimme und singt im Vor­griff auf einen der Pro­tag­o­nis­ten eine kla­gende Arie. Dem Instru­ment wurde eine tra­gende Rolle auf den Leib geschrieben, ein Priv­i­leg, das dieser schmuck­en Preziose einen noch engeren Hand­lungs­bezug ver­lei­ht, als ihn beispiel­sweise Rossi­nis großes Wil­helm Tell-Solo besitzt.
Es wäre lohnend, den Oper­nauftrit­ten des Cel­los ein­mal eine ganze CD zu wid­men. Was in vor­liegen­der Pro­duk­tion auf Ver­di fol­gt, entstammt zwar nicht dem The­ater, doch geht das Gen­eral­mot­to The cello’s opera voice insofern in Ord­nung, als aus­nahm­s­los Großmeis­ter der Bühne zu vernehmen sind, noch dazu solche, die auf unter­schiedliche Weise der Kniegeige zu the­atralis­ch­er Wirkung ver­holfen haben. Einger­ahmt ein­er­seits von zwei Jugendw­erken – Webers Grand Pot­pour­ri (1810) und der F‑Dur-Romanze von Richard Strauss (1883) – und ander­er­seits zwei „Alterssün­den“ von Rossi­ni und Auber hören wir die hin­sichtlich ihres Reper­toirew­erts größte Über­raschung der CD: drei Orig­i­nal-Piè­cen aus der Fed­er des Walz­erkönigs Johann Strauß, alle für die Pawlowsker Som­merkonz­erte des Strauß-Orch­esters geschrieben – und alle wun­der­schön.
Dass der Klang eines Cel­los dem der Vox humana nahe, ja unter allen Instru­menten vielle­icht am näch­sten kommt, wurde schon häu­fig fest­gestellt. Auch in vor­liegen­der Pro­duk­tion dient dieser Gedanke als inhaltliche Klam­mer und mit Ramon Jaf­fé erleben wir einen Solis­ten, dessen Stil- und Klangide­al dur­chaus von der Idee büh­nen­be­herrschen­den Pri­madon­nen­tums geprägt scheint. Klas­sik, so lässt das Book­let wis­sen, sei Jaf­fés Liebe, Fla­men­co aber „seine Lei­den­schaft“ – eine befremdliche Infor­ma­tion angesichts ein­er CD, die kein­er­lei Kost­probe sein­er „Lei­den­schaft“ enthält. Sind wir gebeten, Jaf­fés Leis­tun­gen auf dem Gebi­et der Klas­sik zu rel­a­tivieren?
Obwohl jung an Jahren, ist Jaf­fé ein Solist alter Prä­gung. Wer hals­brecherische Vir­tu­osität neb­st pas­tosem Lega­to auf dem Cel­lo liebt, wird ihm mit Genuss lauschen. Hier und da mag indes der Wun­sch aufkom­men, Cel­lis­tis­ches aus der Fed­er Webers, Rossi­nis und Aubers – alle­samt Kinder des 18. Jahrhun­derts – ein­mal nicht in sattsam bekan­nter Cel­loat­titüde, son­dern ohne Geschmacksver­stärk­er, lediglich mit leichter Soße ver­fein­ert zu erleben. Dass in punc­to tech­nis­che Bewäl­ti­gung einige wenige Kratzer im Lack zu Tage treten, bleibe nicht uner­wäh­nt.
Einen angenehmen Ein­druck hin­ter­lässt das Jenaer Orch­ester, das unter der Leitung von Daniel Raiskin zuver­läs­sig und klangschön akkom­pag­niert. Den Anfangsakko­rd der Richard Strausss­chen Romanze hätte man jedoch so nicht ste­hen lassen dür­fen.
Iosif Raiskins Book­let­text lei­det offen­bar unter Über­set­zung­sholper­ern und set­zt den Leser mit sein­er Ein­gangs­be­merkung, das 20. (sic!) Jahrhun­dert sei das gold­ene Zeital­ter des Cel­los gewe­sen (verse­hentlich?) auf eine falsche Spur.
Ger­hard Anders