The Art of Dietrich Fischer-Dieskau

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Deutsche Grammophon 00440 073 4050, 2 DVDs
erschienen in: das Orchester 12/2005 , Seite 78

Runde Geburt­stage sind für Ton­träger­fir­men ein willkommen­er Anlass, nicht nur neue Ein­spielun­gen auf den Markt zu brin­gen, son­dern auch Schätze aus den Archiv­en zu heben. Die Deutsche Gram­mophon hat zum 80. Geburt­stag Diet­rich Fis­ch­er-Dieskaus gle­ich mehrere Sets mit CDs und DVDs her­aus­ge­bracht, wobei die auf neun CDs doku­men­tierten frühen Auf­nah­men der Jahre 1949 bis 1974 mit deut­lichem Schw­er­punkt auf den fün­fziger Jahren im Mit­telpunkt ste­hen.
Sie bieten ins­ge­samt ein ein­drucksvolles Panora­ma der Viel­seit­igkeit des Sängers, der ja nicht nur die fest im Reper­toire ver­ankerten Lieder und Opern­par­tien auf neue Weise inter­pretierte, son­dern sich auch ständig um weit­ge­hend unbekan­nte Werke bemühte, wie die hier nochmals veröf­fentlicht­en frühen Goethe-Ver­to­nun­gen von Reichardt, Zel­ter und weit­eren Zeitgenossen oder auch die Auswahl von Meyer­beer-Liedern ein­drucksvoll bele­gen.
Trotz ihrer teil­weisen tech­nis­chen Män­gel kön­nen ger­ade diese frühen Auf­nah­men auch heute noch ein­dringlich vor­führen, warum der Bari­ton zu ein­er Leit­fig­ur für die mod­erne Gesangskul­tur gewor­den ist, denn hier kom­men die Qual­itäten sein­er unver­wech­sel­baren Stimme am besten zur Gel­tung. Die präzise Aussprache und Artiku­la­tion sowie der auf den Wortsinn sub­til einge­hende Vor­trag zeigen sich exem­plar­isch in den Ein­spielun­gen von Frank Mar­tins Monolo­gen aus Jed­er­mann, die verblüf­fende Wand­lungs­fähigkeit und die Geschmei­digkeit der Stimme vor allem im piano-Bere­ich demon­stri­eren etwa die Auf­nah­men von Hen­zes Neapoli­tanis­chen Liedern.
Fis­ch­er-Dieskaus Gren­zen markiert die früh­este Auf­nahme, eine Ein­spielung von Brahms’ Vier ern­sten Gesän­gen mit der Pianistin Hertha Klust aus dem Jahr 1949. Hier man­gelt es dem Sänger in eini­gen Pas­sagen schlichtweg an sonor­er Stim­mge­walt. Im Gegen­zug dürfte ihm die jed­erzeit ver­ständlich bleibende Vir­tu­osität in Orffs Carmi­na burana oder den feinsin­ni­gen Humor in Schu­manns Ein Jüngling liebt ein Mäd­chen so leicht nie­mand nach­machen.
Neben dem Lied- kommt auch der Opern­sänger Fis­ch­er-Dieskau reich­lich zu Gehör. Ob die Auswahl der Ein­spielun­gen, an der laut Ver­merk des Tex­thefts der Inter­pret selb­st bera­tend mitwirk­te, immer glück­lich genan­nt wer­den darf, ste­ht jedoch in Frage. Neben immer noch sehr Hörenswertem wie der deutschsprachi­gen Auf­nahme von Glucks Orpheus und Eury­dike begeg­nen auch Aus­flüge in Bere­iche, die Fis­ch­er-Dieskaus Stimm­charak­ter­is­tik wenig entsprechen, so die Koloraturen in Hän­dels Arien aus Giulio Cesare, die bei dem leicht näsel­nden Tim­bre des Bari­tons kaum erträglich sind, oder auch der miss­glück­te Auftritt als Escamil­lo aus Bizets Car­men mit dem berühmten „Toréador, en garde“, der fast wie eine unfrei­willige Karikatur wirkt, wozu auch die Schwierigkeit­en mit den franzö­sis­chen Nasal­laut­en beitra­gen. Am Ende der let­zten CD wartet dann noch etwas Beson­deres auf den Hör­er: die Wiederveröf­fentlichung der von ihm selb­st erzählten Lebens­geschichte aus dem Jahr 1960.
Ergänzend zu dieser Box kommt im dre­it­eili­gen Set „An die Musik“ endlich auch der Schu­bert-Sänger Fis­ch­er-Dieskau zur Gel­tung, mit dessen Lied­in­ter­pre­ta­tio­nen er ja beson­ders bekan­nt gewor­den ist. Diese waren und sind bis heute maßstab­set­zend, was das Aus­drucks- und Vor­tragsspek­trum ange­ht. Sowohl einige Reper­toire-Über­schnei­dun­gen – wobei die hier enthal­tene Stereo-Auf­nahme von Schu­manns Dichter­liebe mit Jörg Demus von 1965 ins­ge­samt überzeu­gen­der als die Mono-Ein­spielung von 1957 in den „Ear­ly Record­ings“ aus­fällt – als auch die beigegebene DVD mit einem Schu­bert-Recital von 1978 weisen darauf hin, dass diese Veröf­fentlichung auf eine andere Käufer­schicht abzielt. Sie will keinen Ein­blick in die Vielfalt der Par­tien und Rollen geben, son­dern konzen­tri­ert sich auf die Höhep­unk­te von Fis­ch­er-Dieskaus Reper­toire, auf Mark­steine sein­er Kar­riere – und makel­lose Auf­nah­men wie die von Wol­frams „Lied an den Abend­stern“ aus Wag­n­ers Tannhäuser (1968/69) ver­mö­gen diesen Anspruch zu unter­stre­ichen.
Wer Fis­ch­er-Dieskau schon ein­mal als Rez­i­ta­tor erleben kon­nte, weiß, wie sehr er dabei in seinem Ele­ment ist. Nach dem Abschluss sein­er Sängerkar­riere 1992 war er bevorzugt als Sprech­er und Vor­leser tätig – auch dies inzwis­chen durch eine Vielzahl von Auf­nah­men doku­men­tiert. Insofern war es nahe liegend, ihn 2003 für Ein­spielun­gen von Melo­dra­men zu gewin­nen. Schon der Reper­toirew­ert der bei­den CDs ist ungewöhn­lich hoch, denn neben Richard Strauss’ Enoch Arden und Vic­tor Ull­manns Weise von Liebe und Tod des Cor­nets Christoph Rilke sind auch die drei „Dekla­ma­tio­nen mit Begleitung“ von Schu­mann (Schön Hed­wig, Bal­lade vom Hei­dekn­aben, Die Flüchtlinge) sowie zwei von Franz Liszt (Der trau­rige Mönch und Lenore) enthal­ten. Als beson­dere Höhep­unk­te inner­halb ein­er Gat­tung, die per se Fis­ch­er-Dieskaus Tal­ent und Nei­gung ent­ge­genkom­men, ragen die Werke mit sub­til nuancierten Dialo­gen wie die Bal­lade vom Hei­dekn­aben oder Leonore her­vor.
Auf ähn­liche Weise wie „An die Musik“ ist auch „The Art of Diet­rich Fis­ch­er-Dieskau“ als Zusam­men­fas­sung von exem­plar­ischen Inter­pre­ta­tio­nen aufge­baut. Je eine DVD wid­met sich dem Lied- und dem Opern­sänger. Den Hör­ern bietet sich hier die Möglichkeit, nicht nur die Gestal­tung der Stimme, son­dern auch die durch­dachte, auf die Musik und die drama­tis­che Sit­u­a­tion abges­timmte Mimik und Gestik des Sängers – ger­ade auch in schwieri­gen Par­tien wie der des Mandry­ka in Strauss’ Ara­bel­la – zu bewun­dern. Dabei hat die Opern-DVD naturgemäß größere Reize als diejenige mit Liedauf­nah­men, da sich hier der Kam­era ungle­ich größere und bessere Möglichkeit­en boten. Ohne­hin ist die Zahl der Fernse­hauf­nah­men des Lied­sängers Fis­ch­er-Dieskau rel­a­tiv klein, sodass das einzi­gar­tige Lied­pro­jekt von 1974 mit ein­er repräsen­ta­tiv­en Auswahl aus der Geschichte dieser Gat­tung zwis­chen Beethoven und Strauss mit Wolf­gang Sawal­lisch als kon­ge­nialem Begleit­er im Zen­trum ste­ht. Ein beson­deres Erleb­nis bietet sich aber abschließend noch mit ein­er Auf­nahme von Mahlers Kinder­toten­liedern mit Lorin Maazel am Pult des Radio-Sym­phonie-Orch­esters Berlin (1968, heute: Deutsches Sym­phonie-Orch­ester Berlin).
Peter Jost