Casken, John

That Subtle Knot

Double concerto for violin, viola and orchestra, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, London 2014
erschienen in: das Orchester 12/2015 , Seite 74

Mit dem Bild des „raf­finierten Knotens“ – es entstammt einem Gedicht von John Donne, das zwei mit ver­schränk­ten Hän­den dasitzende, ihren Blick­en nachsin­nende Geliebte beschreibt –, wählt der britis­che Kom­pon­ist John Casken (*1949) für seine Kom­po­si­tion einen Titel, der wie geschaf­fen ist für ein Dop­pelkonz­ert, in dem die bei­den solis­tis­chen Stre­ichin­stru­mente in einen Dia­log mit sich selb­st und mit dem Orch­ester treten.
Doch auch ohne Ken­nt­nis dieses poet­is­chen Hin­ter­grunds erschließt sich der Grundgedanke des Werks sofort: 2012/13 für den Geiger Thomas Zehet­mair und die Bratscherin Ruth Kil­lius geschrieben, geht die Musik von ein­er Sit­u­a­tion aus, die an das Verknüpfen zweier unter­schiedlich­er klan­glich­er Fäden gemah­nt. Mit der Anweisung „as if recall­ing an old folk song … singing to one­self … before drawn else­where“ lässt Casken über die ersten Tak­te hin­weg zunächst die Vio­la in stock­enden, sprach­na­hen Fig­uren anheben, bevor sich die Vio­line mit ein­er hier­von unab­hängi­gen Lin­ie aus län­geren Noten­werten hinzuge­sellt und dadurch ein dial­o­gisch gestal­teter Klang­faden entste­ht, in den dann schrit­tweise immer mehr Orch­es­terin­stru­mente einge­woben wer­den.
Nicht nur hier stellt Casken die gesan­glichen Qual­itäten der Soloinst­rumente in den Mit­telpunkt, son­dern auch im weit­eren Ver­lauf set­zt er immer wieder auf das Moment der Kantabil­ität, das er bis in die feinen Verzwei­gun­gen der Soloparts hinein aus­formt. Über eine Dauer von rund 25 Minuten hin­weg entste­hen dabei immer neue musikalis­che Verdich­tung­sprozesse, die auf eine vari­able Ein­bindung des solis­tis­chen Duos in die orches­tralen Entwick­lun­gen zie­len und als Akzen­tu­ierun­gen des For­mver­laufs wahrnehm­bar sind, bis das Geschehen in ein­er allmäh­lich ver­löschen­den Schlusspas­sage zur Ruhe kommt.
Angesichts des Umstands, dass es rel­a­tiv wenige Kom­po­si­tio­nen für ein Solis­tenges­pann aus Vio­line und Vio­la gibt, erweist sich Caskens Dop­pelkonz­ert als eben­so reizvolle wie fordernde Auf­gabe: Geschickt set­zt der Kom­pon­ist zur Gestal­tung der Soloparts eine stre­ichergemäße Satzweise ein, die er – ins­beson­dere dort, wo eine rasche Inter­ak­tion oder ein rhyth­mis­ches Unisono der Solis­ten gefragt ist – mit aller­lei ver­track­ten Auf­gaben im Zusam­men­spiel verbindet. Hier­von aus­ge­hend dürfte der beson­dere Reiz und Schw­er­punkt jed­er Werk­wieder­gabe wohl im Aus­bal­ancieren der Soloparts mit den sehr kam­mer­musikalisch einge­set­zten Orchesterinst­rumenten liegen.
Dass Casken bei all­dem nie vom Grundbe­stand eines gle­ich­sam „tra­di­tionellen“ Reper­toires an Spiel­tech­niken abwe­icht, macht das Dop­pelkonz­ert auch für solche Inter­pre­ten attrak­tiv, die kein­er­lei Erfahrung mit den exper­i­mentellen zeit­genös­sis­chen Instru­men­tal­tech­niken der ver­gan­genen Jahrzehnte haben. Die tonale Har­monik und die hörend leicht nachvol­lziehbare musikalis­che Dra­maturgie von That Sub­tle Knot kön­nten zudem ein Übriges dazu beitra­gen, dieser ansprechen­den Kom­po­si­tion zu einem größeren Ver­bre­itungs­grad zu ver­helfen.
Ste­fan Drees