Adès, Thomas

Tevot/Violinkonzert/Three Studies from Couperin/Dances from “Powder her Face”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: EMI 50999 4 57813 2 2
erschienen in: das Orchester 01/2011 , Seite 77

Der 1971 geborene britis­che Kom­pon­ist, Pianist und Diri­gent Thomas Adès gehört nicht nur in Eng­land zu den pro­fil­iertesten Musik­ern sein­er Gen­er­a­tion. Eine beson­ders inten­sive Beziehung pflegt er mit Simon Rat­tle, der Adès’ Asy­la nicht nur mit seinem City of Birm­ing­ham Sym­pho­ny Orches­tra 1997 urauf­führte und damit den Durch­bruch des Kom­pon­is­ten unter­stützte, son­dern das Orch­ester­w­erk an promi­nen­ter Stelle bei seinem ersten Konz­ert als Chefdiri­gent der Berlin­er Phil­har­moniker anset­zte. 2007 sorgten die Berlin­er zudem für die Urauf­führung von Thomas Adès’ gewichtigem Orch­ester­stück Tevot als gemein­sames Auf­tragswerk mit der New York­er Carnegie Hall. Der von Rat­tle sou­verän geleit­ete Urauf­führungsmitschnitt von Tevot – der Begriff stammt aus dem Hebräis­chen und kann sowohl die Tak­te der Musik als auch bib­lis­che Archen wie das die Men­schheit ret­tende Boot Noahs, aber auch die Bun­deslade beze­ich­nen – zeigt die bis an die Gren­zen ihrer Leis­tungs­fähigkeit geforderten Berlin­er in bestechen­der Form.
Das rund 22-minütige Orch­ester­stück set­zt, getra­gen von einem gewalti­gen spätro­man­tis­chen Orch­ester­ap­pa­rat, auf gewaltige Kon­traste in Dynamik, aber auch der höch­sten und tief­sten Lagen der Instru­menten­grup­pen eben­so wie der emo­tionalen Span­nweite der Musik. Bei aller Kom­plex­ität haftet der Par­ti­tur nichts Avant­gardis­tis­ches an. Adès nutzt den Fun­dus der Musikgeschichte von Wag­n­er über Mahler, dessen Def­i­n­i­tion der Sin­fonie, mit allen „musikalis­chen Mit­teln eine Welt zu erschaf­fen“, einem dur­chaus in den Sinn kom­men kann, hin zu Straw­in­skys prononciert­er Rhyth­mik, Ligetis Klangflächen, aber auch eines erweit­erten Min­i­mal­is­mus, mit dessen Pat­terns der Kom­pon­ist sou­verän spielt. Dass Tevot auch Züge ein­er gewalti­gen Film­musik trägt, kommt in der Inter­pre­ta­tion von Rat­tle und den sou­verä­nen, von den höch­sten Lagen der Vio­li­nen über die eben­falls in Stratosphären­höhen geforderten Blech­bläs­er bis zur tief­sten Bass­ge­walt konzen­tri­ert agieren­den Berlin­er Phil­har­monikern zumin­d­est unter­schwellig zum Tra­gen.
Als Diri­gent eigen­er Werke ist Thomas Adès bei dem für Antho­ny Mar­wood geschriebe­nen Vio­linkonz­ert Con­cen­tric Paths sowie den Drei Couperin-Stu­di­en am Pult des aufmerk­samen Cham­ber Orches­tra of Europe zu erleben. Mit dem flex­i­blen Geiger Mar­wood verbindet Adès nicht nur als Kom­pon­ist und Diri­gent eine enge Zusam­me­nar­beit, auch als Pianist hat er mit der Gesamtein­spielung aller Werke Straw­in­skys für Vio­line und Klavier jüngst ein überzeu­gen­des Beispiel dieser Part­ner­schaft vorgelegt. Das äußer­lich dreisätzige, inner­lich aber eher „kre­is­för­mig“ angelegte Vio­linkonz­ert zeigt Par­al­le­len zu Adès’ Oper The Tem­pest von 2004, wobei der Solist mit seinen atem­ber­auben­den Höhen­la­gen an den Ariel der Oper erin­nert. Das Cham­ber Orches­tra of Europe agiert hier eben­so überzeu­gend wie bei den dif­feren­ziert instru­men­tierten Couperin-Stu­di­en. An den großen Erfolg von Pow­der her Face erin­nern zudem Ouvertüre, Walz­er und Finale der Kam­merop­er, die Adès für großes Orch­ester ein­gerichtet hat, die hier von Paul Daniel und dem Nation­al Youth Orches­tra of Great Britain wirkungsvoll aufge­führt wer­den.
Wal­ter Schneckenburger