Grützmacher, Friedrich Wilhelm

Technologie des Violoncellospiels

Vierundzwanzig Etüden für Violoncello solo op. 38

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2006
erschienen in: das Orchester 06/2007 , Seite 75

Wie gern hät­ten wir sie ein­mal spie­len hören, jene Meis­ter­cel­lis­ten des 19. Jahrhun­derts, deren Namen für alle nach­fol­gen­den Kol­le­gen einen beson­deren, aus Bewun­derung und Schaud­er (angesichts end­los­er Übestun­den) zusam­menge­set­zten Klang bewahrt haben: Dotza­uer, Kum­mer, Coss­mann, Grütz­mach­er, sie alle schrieben gle­icher­maßen wertvolle wie schweißtreibende Stu­di­en­werke von unbe­gren­zter Halt­barkeit. Aus diesen ragt Friedrich Grütz­mach­ers Tech­nolo­gie des Vio­lon­cel­lospiels op. 38 insofern her­vor, als hier im Rah­men von 24 pro­gres­siv geord­neten, teil­weise sehr umfan­gre­ichen Etü­den Übe­ma­te­r­i­al für den Bere­ich von der Mit­tel­stufe (Spiel in der 1. bis 7. Lage, Dop­pel­griffe, Triller, Grund­stricharten) bis hin zu exor­bi­tan­ter Artis­tik geboten wird. Zumin­d­est die Etü­den Nr. 18 bis 25 über­steigen in ihren Bal­lun­gen tech­nis­ch­er Schwierigkeit­en alles, was die Cellovir­tu­osen­zeit zumin­d­est hierzu­lande anson­sten her­vorge­bracht hat, inklu­sive selb­st Pop­pers Hoher Schule, zumal dort – anders als bei Grütz­mach­er – pro Etüde immer nur ein tech­nis­ches Prob­lem fokussiert wird.
Nach Solis­ten­de­büt und ersten Beruf­s­jahren in Leipzig ging Grütz­mach­er 1860 nach Dres­den, wo er bis zum Lebensende blieb und erfol­gre­ich als Solist, Kom­pon­ist und Päd­a­goge wirk­te. In diese Zeit fällt die Erst­pub­lika­tion der Etü­den op. 38, aufgeteilt in zwei Bände („Abtheilun­gen“) à 12 Etü­den, wobei ab Etüde Nr. 13 die Dau­men­lage mit ins Spiel kommt. Diese Ein­teilung find­et sich auch in der von Julius Klen­gel um 1900 edierten, heute noch greif­baren Wieder­au­flage, während vor­liegende Neuedi­tion das Werk in einem Band präsen­tiert, da – so Her­aus­ge­ber Mar­tin Rum­mel – in heutiger Unter­richt­sprax­is die Ein­führung des Dau­mens früher erfolge als ehe­dem und sich die Schwierigkeit­en der zweit­en „Abtheilung“ auch nicht allein hier­an fest­machen ließen.
Grütz­mach­er hat seine Etü­den akribisch beze­ich­net. Lei­der erhellt vor­liegende Aus­gabe nicht, ob Klen­gels Ver­sion alle Beze­ich­nun­gen des Orig­i­nals über­nom­men hat, doch zeigt sich im Ver­gle­ich zu Klen­gel die edi­torische Hand­schrift Rum­mels: In einem umfan­gre­ichen Textband nimmt der Her­aus­ge­ber Stel­lung zu jed­er Etüde und erläutert die Gründe für seine Abwe­ichun­gen. Sie liegen generell in Verän­derun­gen viel­er als ver­al­tet oder the­o­retisch ange­se­hen­er Ideen zugun­sten größer­er Prak­tik­a­bil­ität für heutige Cel­lis­ten. Seine auf Etüde Nr. 14 bezo­gene Anmerkung, hier seien „Fin­ger­satzvorschläge einge­fügt [wor­den], wie sie zu einem möglichen Konz­ert­ge­brauch ver­wen­det wür­den“, verdeut­licht die Herange­hensweise. Dem Prob­lem der Text­treue begeg­net er mit dem Argu­ment, im Falle von Stu­di­en­werken gehe es lediglich um „respek­tvolle Auseinan­der­set­zung mit den päd­a­gogis­chen Gedanken des Ver­fassers“. Diese gelte es, „ins Heute zu über­set­zen und somit zu ret­ten“. Seinem resümieren­den Satz „Was für den einen ‚falsch‘ ist, mag für den anderen ‚richtig‘ sein und umgekehrt“ ist in diesem Zusam­men­hang fast nichts hinzuzufü­gen.
Ger­hard Anders