Schostakowitsch, Dmitri

Tahiti-Trott

Tea for Two von Vincent Youmans, op. 16. Faksimile des Partiturautografs. Festgabe zum 60. Geburtstag von Hermann Danuser, hg. v. der Paul Sacher Stiftung

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Paul Sacher Stiftung/Sikorski, Basel/Hamburg 2006
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 76

Dreiein­halb Minuten – so lange dauert der char­mante Tahi­ti-Trott in der bekan­nten Chail­ly-Ein­spielung von 1993. Dass Schostakow­itschs berühmte Bear­beitung des harm­losen Songs von Vin­cent Youmans dere­inst für Ver­stim­mung bei der sow­jetis­chen Kul­tur­poli­tik sorgte und den Kom­pon­is­ten kul­tur­poli­tisch (mal wieder) erhe­blich in die Enge trieb, war der Paul-Sach­er-Stiftung im Jubiläum­s­jahr 2006 u.a. Grund genug, in ein­er ambi­tion­ierten Fak­sim­i­le-Edi­tion über Wesen und Geschichte dieses mod­er­nen Klas­sik­ers der Unter­hal­tungsmusik zu bericht­en. Als Ver­lagspart­ner bot sich dazu ide­al­er­weise Siko­rs­ki aus Ham­burg, nach Vor­lage der Neuen Schostakow­itsch-Gesam­taus­gabe im ver­gan­genen Jahr, an.
Im Mit­telpunkt der Edi­tion ste­ht naturgemäß das zwölf­seit­ige Fak­sim­i­le im A3-For­mat von Schostakow­itschs endgültigem Par­ti­tu­rauto­graf aus dem Jahr 1927, das heute von der Paul-Sach­er-Stiftung ver­wahrt wird. Die restlichen 59 (!) Seit­en konzen­tri­eren sich in Deutsch und Englisch auf den attrak­tiv­en und in jedem Fall span­nen­den Entste­hungskon­text. Fünf musik­wis­senschaftliche Essays informieren umfassend und gut les­bar über Youmans ursprünglichen Song Tea for Two und dessen rus­sis­che Adap­tion Tahi­ti-Trott, über Schostakow­itschs Anlass zur Orchestrierung sowie über ide­ol­o­gisch gelenk­te kul­turelle Kon­se­quen­zen, die das kurze Stückchen Musik vor allem für den Kom­pon­is­ten nach sich zog.
Die Darstel­lun­gen wer­den abgerun­det von ein­er musikalis­chen Analyse und ein­er gründlichen Quel­lenbeschrei­bung, die umso mehr Sinn macht, da der Leser das Auto­graf gewis­ser­maßen vor sich hat und so ins­ge­samt einen Begriff von Schostakow­itschs Arbeitsweise bekommt. Das alles, wie gesagt, wegen dreiein­halb Minuten Musik! Will man den Autoren glauben, war Youmans sim­pel, aber ele­gant gestal­teter Ohrwurm vom Broad­way schon Ende der 1920er Jahre ein weltweit­er Hit der Unter­hal­tungsmusik. Der Anlass für Schostakow­itschs Orchestrierung dieses Stro­phen­lieds liegt aber seit­dem und gegen­wär­tig noch immer im Dunkeln.
Anders sieht es bei der späteren Ver­wen­dung des Tahi­ti-Trott aus, den der Kom­pon­ist in sein Bal­lett Das Gold­ene Zeital­ter (1930) inte­gri­erte und sich dadurch im Nach­hinein ziem­lich ambiva­lent aus der Affäre um seine „ange­bliche“ (im Grunde tat­säch­liche) Nei­gung zum längst diskred­i­tierten „leicht­en Genre“ zog. Beson­ders diesem Kapi­tel wid­met sich Felix Mey­ers exzel­len­ter Essay („Unge­sunde Erotik“). Den Her­aus­ge­bern geht es somit in der Haupt­sache nicht um den Sin­foniker oder den Opernkom­pon­is­ten Schostakow­itsch, son­dern um den Ver­fass­er der Jazz-Suit­en, Film­musiken und den übri­gen Gele­gen­heit­sar­beit­en aus der Branche der Unter­hal­tungsmusik. Hier hätte Ulrich Mosch in seinem schö­nen Beitrag unbe­sorgt noch über die Instru­men­tierung des Tahi­ti-Trott hin­aus­ge­hen und einen kom­pos­i­torischen Bezug zu ver­gle­ich­baren Arbeit­en Schostakow­itschs her­stellen kön­nen.
Was Stiftung und Ver­lag mit dieser prächti­gen Edi­tion real­isiert haben, ist weitaus mehr als ein bloßer Abdruck von alten Noten. Die Aus­gabe richtet sich ganz offen­sichtlich sowohl an Wis­senschaftler als auch an Lieb­haber von Schostakow­itschs Werk und darf für die einen als Forschungsquelle, für die anderen als echt­es Samm­ler­stück beze­ich­net wer­den.
Tobias Gebauer