Pejacevic, Dora

Symphony / Phantasie Concertante

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 777418-2
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 72

Dass das Label cpo mit sein­er Lust und seinem Gespür, Vergessen­em und Überse­hen­em erneute Aufmerk­samkeit und die Rück­kehr ins Musik­leben zu ermöglichen, immer wieder für Über­raschung sorgt, ist oft ange­merkt und gewürdigt gewor­den. Jet­zt verblüfft uns die Begeg­nung mit ein­er Gräfin, die kom­poniert hat. Nur 38 Jahre alt ist sie gewor­den. Doch 57 Werke (vier davon für Orch­ester, außer­dem Lieder, Klavier­stücke und Kam­mer­musik) markieren einen beachtlichen Schaf­fensweg, und ihr Auf­bruch aus dem Salon in die großen Konz­ert­säle ver­half auch der Musik Kroa­t­iens zu europäis­ch­er Bekan­ntheit. Den eige­nen kreativ­en Beitrag dazu leis­tete sie mit dem Klavierkonz­ert g‑Moll (1913), dem ersten mod­er­nen Stück dieser Gat­tung in ihrem Heimat­land, und mit ihrer Sin­fonie, die eben­falls eine Vor­re­it­er­rolle ein­nimmt.
Dora Pejace­vic heißt die uns bis­lang Unbekan­nte. Sie wurde am 10. Sep­tem­ber 1885 in Budapest geboren und starb am 5. März 1923 in München. Schloss Našice in Slowe­nien und die kroat­is­che Haupt­stadt Zagreb waren Orte ihrer frühen Musik­er­leb­nisse und Kun­st­begeg­nun­gen, später wur­den Dres­den und München zu Stät­ten pro­fes­sioneller Unter­weisun­gen. Bald machte die junge Adlige mit ihren Kom­po­si­tio­nen von sich reden; sie stand aber auch als vorzügliche Geigerin und Pianistin auf dem Podi­um und wid­mete sich der Auf­führung eigen­er Werke.
Diese sind oft noch vom Klangza­uber der späten Roman­tik und von den vital­en Rhyth­men und elegis­chen Weisen der Folk­lore geprägt – mit­tels fan­tasievoller Far­bkun­st und küh­n­er Har­monik stellt sich jedoch zunehmend ein neuer, indi­vidu­eller Ton ein. Die große, 1920 in Dres­den uraufge­führt Sin­fonie fis-Moll, von der Oscar Ned­bal bere­its 1918 in Wien zwei Sätze vorgestellt hat­te, begeg­net den Forderun­gen der Gat­tung mit der Frei­heit der Gestal­tung. Strin­genz der Theme­nent­fal­tung und der sin­fonis­chen Erzählweise find­et man da weniger, stattdessen tauchen viele berück­ende Neben­schau­plätze, wun­der­bare Stim­mungs­bilder und liebliche Idyllen im Fluss der Musik auf. Die leichthändig gestreuten pathetis­chen, bal­ladesken, beschwingten und kraftvollen Ein­fälle bleiben aber alle­samt Bestandteile ein­er zyk­lis­chen Ein­heit, der das Dies-Irae-artige Kern­mo­tiv der Ein­leitung als Mate­r­i­al, Weg­weis­er und Wen­de­marke dient.
Solche Geschlossen­heit kehrt danach in der vir­tu­os aufge­lade­nen, klang­prächti­gen Konz­er­tan­ten Fan­tasie für Klavier und Orch­ester d‑Moll (1919) mit­tels Kom­prim­ierung von Form, Tex­tur und Wech­sel­spiel als Ein­sätzigkeit wieder. Zum Erfolg der spek­takulären Plat­ten­premiere, die den Auf­takt für eine CD-Serie mit Werken von Dora Pejace­vic bildet, tra­gen die her­vor­ra­gen­den Inter­pre­ten engagiert bei – nicht zum ersten Mal beweisen sie bei solchen Rar­itäten und Raf­fi­nessen mit bril­lantem Spiel, süf­figem Sound und fil­igra­nen Far­ben ihre Klasse.
Eber­hard Kneipel